Spanien, Februar 2023

Montag, 30.1. bis Sonntag, 5.2.

Jeannine: Die Woche beginnt am frühen Montag morgen mit einem krachenden Gewitter. Es donnert so heftig, dass wir aus dem Schlaf schrecken. Danach folgt sturzflutartiger Regen. Zur gleichen Zeit hagelt es in Tarifa, und die Wohnmobilstellplätze werden teilweise überflutet. Unsere Spanischlehrerin Bea zeigt Fotos von Hagelhaufen, die aussehen wie Schnee und kann es gar nicht fassen, dass so etwas in Tarifa vorkommt. Radfahren ist heute nicht, weil es auch tagsüber schüttet und stürmt. Claus fährt mich und holt mich auch wieder ab.

Ich bin wieder in meiner „alten“ Klasse. Inzwischen ist noch Nadja dazugestoßen, eine Italienerin, der Spanisch naturgemäß leicht fällt. Sie wohnt in der Nähe von Bologna und arbeitet in einem Kulturzentrum, das sich dem italienischen Partisanenkampf während des zweiten Weltkriegs widmet. Da wir nebeneinander sitzen, ist sie meine neue Partnerin bei den Sprachübungen.

Claus hat auf dem Campingplatz ein Ehepaar aus Mönchengladbach kennengelernt. Die beiden, Herbert und Dagmar, nehmen uns am Mittwoch Nachmittag mit dem Auto auf eine kleine Exkursion mit in die Berge oberhalb von Bolonia. Da war ich auch schon mal mit dem Fahrrad gewesen und hatte die Aussicht bewundert. Diesmal geht es noch ein Stückchen höher, und der Fokus liegt im Himmel. Wir bewundern eine ganze Truppe von Gänsegeiern, die majestätisch über uns kreisen und in den Felsen am Nestbauen sind. Wir bleiben über eine Stunde da oben, und es ist wie Meditation. Die Geier kreisen, der Himmel ist blitzeblau, und die Aussicht grandios.

Der weiße Fleck im Hintergrund ist die Düne von Bolonia.

Danach gibt‘s noch eine Tasse Kaffee und eine Verabredung zum Pizzaessen.

Am Donnerstag macht die ganze Schule (wobei wir momentan nur 9 Schüler sind) eine Exkursion zum Kastell von Tarifa. Schulleiter Gaspar erklärt uns sachkundig die historischen Hintergründe und führt uns durch die Räumlichkeiten. So erfahren wir, dass das Kastell bis in die 1930er Jahre direkt ans Meer angrenzte, und der Zugang zur Stadt durch eines der Tore führte. Erst dann wurde der Hafen gebaut, der heute vor dem Kastell liegt.

Der Hafen von Tarifa vom Kastell aus gesehen.
Schulleiter Gaspar führt uns durch das Kastell.

Das Kastell selbst wurde nach der Eroberung Tarifas im 10. Jahrhundert von den Mauren gebaut. Nach der Rückeroberung durch die Christen 1292 wurde ein (maurischstämmiger) Statthalter namens Guzman in der Burg eingesetzt. Bei einem Angriff der Mauren, die die Stadt 1294 wieder in ihre Hände bringen wollten, geriet Guzmans Sohn in die Hände der Araber. Die Mauren drohten Guzmans Sohn umzubringen, wenn er die Stadt nicht aufgeben würde. Guzman blieb standhaft und weigerte sich, die Stadt für seinen Sohn zu opfern. Das Flehen seiner Frau ignorierend warf er den Mauren noch einen Dolch für die Ermordung seines Sohnes zu. Für diese Heldentat ging Guzman als „il bueno“ (der Gute) in die Geschichtsbücher ein. Überdies erhielt er von König Sancho IV von Kastilien umfassende Fischereirechte sowie Ländereien, die den Reichtum seiner Familie begründeten. Was mit dem Sohn passiert ist, steht nirgendwo. 

Eine Replik dieses Bildes hängt im Kastell. Quelle: Wikipedia.

Am Freitag waschen wir blitzschnell zwei Maschinen Wäsche, weil es sonnig und schön ist. Abends gehen wir mit Herbert und Dagmar Pizza essen. Der Wirt ist Deutscher und Borussia-Fan. An den Wänden hängen vier bis fünf riesige Fernseher, auf denen natürlich Fußball läuft. Die ganze Kneipe sieht aus wie ein Fanshop, und das Publikum ist selbstredend überwiegend deutsch. Nach der Pizza gibt es noch eine Absacker in der Campingbar. Ein sehr netter Abend.

Fanshop in der Pizzeria. Der Chef fliegt übrigens zu allen Heimspielen nach Dortmund.

Schon seit Donnerstag habe ich Halskratzen. Trotz sofortiger Teekur mit Infektblockertee kann ich die Erkältung nicht mehr abwenden. Samstag bis Montag liege ich flach und bewege mich kaum vom Wohnmobil weg.


Donnerstag, 9.2.

Claus: So, seit Längerem haben wir uns nicht mehr gemeldet, was daran liegt, dass es nichts Besonderes zu berichten gibt. Der Wecker klingelt um 8:00, Jeannine fährt in die Schule, ich hüte das WoMo. Um ca. 14:30 essen wir zu Mittag, danach muss Jeannine Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen. Zudem wurde das Wetter auch schlechter und den für das letzte Wochenende geplanten Ausflug musste wir canceln, da Jeannine erkältet war. Da man sich auf ca 10qm nicht aus dem Weg gehen kann….genau, jetzt bin ich erkältet. Montag musste Jeannine sogar die Schule absagen.

Ich habe eben alle Dinge draussen „gesichert“, da es morgen Sturm mit Böjen bis über 90 km/h geben soll. Wir hoffen, dass es nicht ganz so schlimm wird.

Soweit der Bericht von den Dauercampern. Der Sprachkurs geht nun noch 6 Tage, dann können wir (endlich) mal ein Stück weiterfahren.

Montag, 4.2. bis Sonntag, 12.2.

Jeannine: Montag ist wunderbares Wetter, und ich pflege meinen Schnupfen. Bisher hat es Claus noch nicht erwischt, aber bei der Enge im Wohnmobil ist das leider nur eine Frage der Zeit. Dienstag bin ich wieder fit und kann in die Schule.

Bisher bin ich gerne jeden Tag nach Tarifa zur Schule geradelt, aber am Donnerstag macht das erstmalig keinen Spaß. Der Wind ist so stark, dass ich richtiggehend abgedrängt werde, wenn mich LKWs oder Busse überholen. Auf dem Rückweg mit Rückenwind geht es besser. Nachmittags treffen wir uns wieder mit unseren neuen Freunden Herbert und Dagmar zum Essen im benachbarten „Hurricane Hotel“. Dort gibt es einen Pavillon mit Terrasse, auf der wir wunderbar windgeschützt sitzen und aufs Meer blicken können. Das Essen ist auch ok. Das kulinarische Highlight haben wir in Spanien bisher noch nicht entdeckt. Alles ist oft etwas fade und leider meistens nur lauwarm. Gut, dass wir selbst kochen können; dieses Niveau kann man allemal toppen. Aber hier geht es gar nicht so sehr ums Essen, sondern wir genießen die Gespräche mit Herbert und Dagmar.

In der Nacht auf Freitag kommt der Sturm, den alle Wetterberichte angekündigt haben. Wir stehen mit der Längsseite zur Windrichtung, und das Wohnmobil schaukelt so stark, dass wir Angst haben umzukippen. Es ist eine unruhige Nacht, wir schlafen beide schlecht. Morgens frage ich an der Rezeption angelegentlich, ob denn schon mal ein Wohnmobil umgekippt sei. Ist aber nicht, was uns sehr beruhigt. Zur Schule fahre ich jedenfalls sicherheitshalber mit dem Taxi. Bei dem orkanartigen Sturm wollen wir auch das Wohnmobil nicht bewegen. 

Am Freitag sieht das Meer aus als würde es kochen.

Nachmittags backe ich erstmalig einen Kuchen in unserer Omnia-Backform. Alles natürlich improvisiert, gerührt wird im größten Topf mit einer Gabel. Aber es klappt, und ich bin ganz stolz auf meinen Geburtstagskuchen für Claus.

Am Samstag wird das Wohnmobil noch mit einer Spanischen Geburtstagsgirlande dekoriert, die ich in einem der Chinesen-Läden erstanden habe. Aber die Chinesen haben es wohl nicht so mit Spanisch: Es fehlen doch tatsächlich zwei Buchstaben im Glückwunsch! Claus freut sich trotzdem. Das ganze Wochenende stürmt es so stark, dass man gar nicht viel machen kann.

„Feliz Cumpaños“ statt richtig „Feliz Cumpleaños“.

Montag, 13.2. und Dienstag 14.2.

(Claus:) Wir treffen eine spezielle Entscheidung.
Nachdem Jeannine am Montag wieder wegen des starken Windes*, mit dem Taxi zur Schule fahren musste (es gibt keine Busverbindung) und dies die ganze Woche wohl so sein wird und weil ich seit Sonntag extrem erkältet bin, beschließen wir, dass Jeannine bis Freitag in ein Apartment in Tarifa zieht. Sie spart somit die Taxifahrerei (pro Tag EUR 30.-), kann in Ruhe schlafen und sich auf die letzte Schulwoche konzentrieren. Ich kann mich (hoffentlich) kurieren und schlafen, wenn ich schlafen muss/will.
Gemeinsam suchen wir abends ein zentral gelegenes Apartment (kostet dann auch nicht sooo viel mehr als das tägliche Taxi) und buchen es ab Dienstag. Mitentscheidend: Es muss eine Heizung haben! Dies ist, wir wir zufällig von anderen gehört haben, in Tarifa nicht selbstverständlich. Jeannine packt ihre Tasche und checkt dort am Dienstag Morgen bereits ein.
Nun ist sie bis Freitag (Kursende) direkt vor Ort, und ich kann hier rumhusten.

*zum Thema Wind: Es herrscht derzeit der Levante, ein sehr starker Wind von Ost nach West. Durch die Meerenge von Gibraltar entsteht eine Düsenwirkung, die zu sehr starken Winden und Böen führt und dies teilweise 2 Wochen anhaltend. Unten die Geschwindigkeiten vom Freitag. Fahrradfahren wird unmöglich bis lebensgefährlich, besonders auch, da der Radweg entlang der recht befahrenen Nationalstraße verläuft.

Fast so heftig geht es nun eine Woche weiter…

Gegenüber von unserem Platz steht seit Samstag ein Typ, der Reisen mit dem Wohnmobil nach Marokko organisiert. Er erzählt mir, dass derzeit wegen des Sturms keine Fähren übersetzen. D.h. in Tarifa warten mehrere Personen in ihren Fahrzeugen auf die nächste Überfahrt. Seine Kunden (in sexhs Wohnmobilen) treffen hier am Dienstag ein. Er hofft, dass sie am Mittwoch starten können. Die Reise ist geplant für vier Wochen, zzgl. An- und Rückreise. Ärgerlich, wenn man dann einige Tage „verliert“ weil man auf die Fähre wartet. Aber so ist das eben bei Fernreisen!

P.S. zum Thema Wind: Selbst für die Surfer und Kiter hat es zu viel Wind. Hinzu kommt, dass der Wind Richtung Atlantik bläst und die Gefahr groß ist, aifs Meer getrieben zu werden. Genau dies ist am Freitag fast einem Surfer passiert, der mit viel Glück nach drei Stunden aus eigener Kraft ans Land zurück gelangte (ihm war das Zugseil gerissen).


Donnerstag, 16.2.
(Claus:) Heute eine weitere Premiere!

Habe mittelprächtig geschlafen, obwohl ich ja Platz und Ruhe hatte. Aber auch Jeannine schläft im Apartment nicht besonders gut. Da mein Husten auch nicht wirklich besser wird, habe ich beschlossen, in Tarifa zu einem Arzt zu gehen. Also alle wichtigen spanischen Übersetzungen für Husten. Auswurf, Bronchitis, Antibiotika, usw. rausgesucht und aufgeschrieben. 

Beim Campingplatz-Empfang nochmals nachgefragt, ob das Medzinzentrum auch das richtige wäre. Ja! OK. Ob sie mir bitte dort einen Termin machen könnten? Das sollte ich nicht, den bekäme ich dann erst in 2-3 Wochen. Sollte einfach als Notfall hinfahren. Nun gut. Habe mich mental auf 3-4 Stunden Wartezeit eingestellt. Also rufe ich mir ein Taxi zum Campingplatz, und wir fahren in die Stadt. Dort angekommen, bin ich sehr überrascht, weil das Wartezimmer bis auf eine Person leer ist. Außerdem ist alles sehr klein. Bei Medizin-Zentrum dachte ich an mehrere Ärzte, ständig klingelndes Telefon, mehrere Wartezimmer und Wuseln im Gang. Statt dessen ist der Empfang ist unbesetzt, da die Arzthelferin immer in einem der hinteren Zimmer ist. Wer rein möchte, muss klingeln, dann kommt sie und öffnet die Tür. Es scheint zwei Ärzte zu geben. 

Nach fünf Minuten bin ich dran. Das Arztzimmer ist vom Boden bis zur Decke voll mit Pokalen – Surfen, Kiten, Segeln, Fotos von Wellen und Leuchttürmen…soweit ich dies überblicken kann. Gerne hätte ich ein paar Fotos gemacht. Aber dafür bin ich ja nicht hier. Nachdem meine Personalien auf einem Post-it erfasst und vom Chef in den Computer eingegeben sind, gehen wir in den Nebenraum zur Untersuchung. Die macht er sehr gründlich und entdeckt die Stelle, an der es „rasselt“. Zurück im Chefzimmer schreibt er den Bericht, die Rezepte und die Rechnung (80.- EUR).

Die Rechnung zahle ich per EC und bin nach knapp 30 Minuten wieder draußen, mit einem sehr guten Gefühl. Schnell noch zur Apotheke und dann gemeinsames Mittagessen mit Jeannine, die mittlerweile schulfrei hat und von der Schule zur Tapas-Bar kommt. Das Essen ist leider wieder nur mittelprächtig…

Mit dem Taxi wieder zum Campingplatz, Tagesziel erreicht. Irgendwann kommt Dagmar vorbei und fragt, ob ich einen Teller Gemüseeintopf haben möchte, den sie gestern gekocht hat. Da sage ich sicher nicht Nein. Außerdem schlagen sie vor, da sie morgen eh einkaufen wollen, Jeannine von der Schule abzuholen und sie mit zum Einkaufen zu nehmen. Total nett, sympathisch und hilfsbereit die beiden – toll!

Ich esse meinen Eintopf und bin happy.

Ein wunderbares Abendessen: Dagmars Gemüseeintopf, Antibiotika und ein Glas Rotwein.


Bis um 22:00 Uhr. Ich gehe ins Bett und kann absolut nicht schlafen. Draußen tobt der Sturm, und ich bin hellwach. Stehe wieder auf. Gehe um 23:30 wieder ins Bett. Stehe wieder auf und schreibe dies hier um mittlerweile 6:00. Und habe so gut wie nicht geschlafen.
Die Böen bringen das WoMo stark zum Schaukeln. Auf dem Nebenplatz hat jemand ein Zelt aufgeschlagen, das knattert und flattert. Aber es scheint zu halten. Vorhin habe ich etwas Musik gehört, vielleicht hat er sich ein bisschen Mut gemacht?
Der Sturm nervt nun schon seit zwei Wochen. Am Stück. Permanent. Rund um die Uhr. Obwohl es fast 14 Grad ist, kann man nicht draußen sitzen. Fahrradfahren unmöglich. Laufen schwierig. Mit dem WoMo sollte man auch nicht fahren, da man mit ca. 2,70m Höhe eine enorme Angriffsfläche bildet.

Nun, morgen/heute werden wir besprechen wohin es weitergeht. Der Spanischkurs ist dann fertig, und wir beenden unser Dauercamperdasein und werden wieder mal fahren (wohnMOBIL)…

Montag, 13.2. bis Sonntag, 19.2.

(Jeannine): Die letzte Woche Spanischkurs! Am Montag stürmt es wieder so stark, dass ich mit dem Taxi fahre. Ich bin total unausgeschlafen. Claus hat nachts fürchterlich gehustet, und wir konnten beide nicht schlafen. Wir entscheiden deshalb am Montagabend, dass ich bis Ende der Woche in ein Hotel in Tarifa ziehe. Das fühlt sich sehr komisch an. Am Dienstag morgen habe ich das Gefühl, „auszuziehen“. Aber es ist definitiv die richtige Entscheidung.

Das Hotel liegt mitten in der Altstadt und hat vollautomatischen Checkin, den Zimmercode erhält man per whatsapp. Die ganzen vier Tage sehe ich kein einziges Personal. Wesemtlich größer als unser Wohnmobil ist das Zimmer auch nicht. Man kann immerhin bequem rund ums Bett laufen, aber das war es auch schon. Es gibt eine Küchenzeile, aber weder Stuhl noch Tisch. Wie das wohl gedacht ist? Kochen geht, aber gegessen wird auf dem Bett? Immerhin kann ich mir Tee zubereiten.. Es gibt außerdem eine Heizung, was in andalusischen Unterkünften nicht selbstverständlich ist. Die besteht aus einer Klimaanlage, die auf Wärme umgestellt werden kann, hängt an der Decke und bläst warme Luft von oben herunter. Am Boden bleibt es kalt, und gegen den Zug von der undichten Zimmertür hilft sie auch nicht. Das Ganze ist bei weitem nicht so gemütlich wie in unserem Wohnmobil, aber definitiv besser als keine Heizung. 

Bett mit Küchenzeile!
Blick vom Fenster auf die Altstadt und auf das Kastell.

Absolut genial ist der Standort mitten in der Altstadt. Alles ist in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar, auch die Schule. Unterwegs kann ich mir in der Markthalle die tägliche Ration Obst besorgen. In den drei Tagen gehe ich nach der Schule etwas essen, mache einen langen Strandspaziergang und verziehe mich dann aufs Zimmer zum Hausaufgaben-machen, Telefonieren und Lesen. Einen Abend zappe ich mich durch spanische Fernsehsender und freue mich, wenn ich ein bisschen was verstehe.

Der Wind modelliert den Sand zu bizarren Formen.
Und das Ganze bei ca. 8 Beaufort.

Der Sturm hält die ganze Woche über an. Es ist übrigens der Levante, der aus Osten kommt und sozusagen durch die Straße von Gibraltar gepresst wird. Er wird durch die Sierra Nevada auf spanischer und den Atlas auf marokkanischer Seite kanalisiert und erreicht in der Meerenge seine größte Kraft, bevor er auf dem Atlantik wieder an Energie verliert. 

Nur eine Handvoll Surfer traut sich aufs Wasser. Auch für die Profis ist es offensichtlich nicht ungefährlich. Wir hören von zwei Kitern, die abgetrieben werden. Einer kann sich nach drei Stunden aus eigener Kraft retten, beim anderen wurde die Rettung verständigt.  In der Stadt ist der Sturm zwar nicht gefährlich, aber lästig. Ich hätte nie gedacht, dass Wind nerven könnte, aber die ständige Geräuschkulisse und die Windböen, gegen die man ankämpfen muss, sind geradezu anstrengend.

Meine kulinarischen Erlebnisse in Tarifa halten sich wieder sehr in Grenzen. Wieder überwiegt der Eindruck, dass alles entweder fritiert oder fade, auf jeden Fall aber lauwarm ist. Ich probiere Lokale, die von den Lehrern an der Schule wärmstens empfohlen werden, aber das Ergebnis ist immer gleich. Mit einer Ausnahme: der Mexikaner, zu dem wir an einem Abend im Rahmen eines Schulausflugs gehen. Das Essen dort ist richtig gut und wird in zischenden Pfännchen serviert. Und dann gibt es noch die Konditorei La Tarifeña, die leckere und optisch sehr aufwändige Küchlein und Torten produziert. Am Dienstag ist Valentinstag, und dafür haben sie sich richtig ins Zeug gelegt.

High Heels aus Schokolade – wer könnte da widerstehen?
So sieht ein typisch spanisches Frühstück aus: Toast mit Olivenöl und Tomatenpüree, dazu ein Café con leche.

Wie Claus schon berichtet hat, holt mich Dagmar am Freitag netterweise von der Schule ab, und wir beide machen einen ausgedehnten Shoppingtrip zu Lidl und Mercadona. Wir quatschen über Gott und die Welt, über Männer und Kochrezepte, und das blöde Einkaufen macht richtig Spaß. Das „Heimkommen“ ins Wohnmobil ist genau das: Heimkommen. Claus hatte eine ganz unruhige Nacht, und sieht müde und schlecht aus. Ich packe aus, wir essen diverse Reste und gehen früh schlafen. Am nächsten Morgen geht es ihm viel besser.

Das Wochenende verbringen wir mit Waschen, Aufräumen, Kochen und Essen. Die Wäsche „steht“ waagerecht im Wind und wird so glatt wie gebügelt. Außer kleinen Spaziergängen ist nicht mehr drin, weil es unablässig stürmt. Sonntag packen wir das Wohnmobil, damit wir am Montag gleich loskommen. Und wir gehen „Abschieds-Kuchenessen“ in die Tarifeña am Hafen mit Dagmar und Herbert. Wie immer ist es total nett. Wir tauschen Telefonnummern aus und laden uns gegenseitig nach Hause ein. 

Montag, 20.2.

Am Morgen werden wir sehr herzlich verabschiedet von Dagmar, Herbert und den Campingplatz-Mitarbeitern. Netterweise können wir unsere spanische Gasflasche auf dem Platz deponieren bis nächstes Jahr. Den Adapter nehmen wir natürlich mit!

Unser erstes Ziel ist ein Stellplatz in den Bergen, ca. 40 km vor Ronda. Kaum biegen wir kurz hinter Algeciras ins Landesinnere ab, wird es idyllisch. In der Nähe von Castellar de la Frontera sind auf fast allen Strommasten Vorrichtungen angebracht, auf denen Störche ihre Nester bauen können. 

Störche beim Nestbau, bzw. bei der Produktion von Nachwuchs.

Wir machen Halt in Los Angeles, das wirklich so heißt. In einer Kneipe probieren wir Tapas, die uns erstmalig richtig gut schmecken. Dito der Kaffee. Die Preise sind etwa die Hälfte von denen in Tarifa. Die Straße windet sich in Serpentinen durch die Berge, dazwischen blitzen weiße Dörfer. Es ist ein bisschen windig, mit Betonung auf ein bisschen. Welche Wohltat. 

Links das Dorf Benarrabá. Übrigens sind alle Dörfer hier weiß.

Der Stellplatz liegt nahe einem winzigen Dorf in den Bergen, ist ganz ruhig und hat eine wunderbare Aussicht. Es gibt überall gut ausgeschilderte Wanderwege. Ich mache eine kleine Tour und komme an großen Korkeichen vorbei, die wegen ihres Alters „Großväter“ genannt werden. Sie werden übrigens nur alle neun Jahre geschält. 

Frisch geschälter „Großvater“.

Während ich unterwegs bin, kommt Claus mit Nachbarn auf dem Stellplatz ins Gespräch. Da sie aus Oldenburg kommen, frägt er sie einfach mal so, ob sie meine Freundin Nicki kennen. Und tatsächlich, sie kennen sie aus der Kirchengemeinde. Wie klein die Welt doch manchmal ist.

Dienstag, 21.2.

Nach dem Frühstück fahren wir auf einer Bergstraße Richtung Ronda. Für die 40 Kilometer brauchen wir eine gute Stunde, aber es ist einfach nur schön. Wir sehen rosablühende Bäume – die Mandelblüte hat schon begonnen. 

Ronda liegt auf einem Hochplateau und wird durch eine rund 100 Meter tiefe Schlucht geteilt. Sie ist Resultat eines tektonischen Bruchs, durch den der Fluß Rio Guadalevin in mehreren Kaskaden nach unten stürzt. Drei Brücken führen von der mittelalterlichen Altstadt in die „Neustadt“ aus dem 15. Jahrhundert. Die Gässchen mit den Souvenirshops, Cafés und Restaurants sparen wir uns. Dito die Stierkampfarena, obwohl diese die älteste Spaniens ist. Zwar wurde der Stierkampf in Ronda nicht erfunden, doch wurden hier Ende des 18. Jahrhunderts die heute noch gültigen Regeln der „Corrida“ festgelegt. Aber Stierkampf bleibt ein blutiges Spektakel und interessiert uns nicht so sehr. Statt dessen laufen wir über die untere „alte Brücke“ in die Altstadt, genehmigen uns in einer Kneipe am Rande der Schlucht ein spanisches Frühstück (Tomatenbrot und Kaffee) und laufen nach oben zur „neuen Brücke“, die sich 70 Meter lang und 100 Meter hoch in drei Bögen über die Schlucht spannt. Rund um die Stadt gibt es wunderbare Ausblicke auf das Umland. Auf der Neustadtseite wurden Gärten entlang der Schlucht angelegt, die imposante Perspektiven von unten auf die Neue Brücke und hinab in den Canyon ermöglichen. 

Blick von der Altstadtseite aus auf die „alte Brücke“.
Eine Schlucht teilt die Stadt. Blick von der „Neuen Brücke“.
Die „Neue Brücke“ ist 100 Meter hoch.

Wir fahren weiter in das Dorf Grazalema in den Bergen. Die Straße ist hier so schmal, dass wir bei Gegenverkehr die Luft anhalten. Grazalema ist wieder ein weißes Dorf (die Dörfer hier sind ja alle weiß!) und liegt malerisch an einer Felsflanke. Eigentlich wollen wir auf den dortigen Campingplatz, aber der gefällt uns nicht, weil er sehr schattig ist. Statt dessen stellen wir das Auto auf einen Stellplatz, der auf einer Terrasse oberhalb des Dorfes liegt. Wir haben eine super Aussicht, noch ein bisschen Sonne und nette Nachbarn, mit denen Claus sofort ins Gespräch kommt. Ich erkunde derweil das Dorf.

Mittwoch, 22.2.

Eigentlich würden wir hier gerne noch einen Tag bleiben, aber wir brauchen doch nochmal kurz die Infrastruktur eines Campingplatzes. Bevor wir losfahren, laufen wir ins Dorf, um auf dem Marktplatz einen Kaffee zu trinken. Dort treffen wir die anderen Stellplatznachbarn und verplaudern fast zwei Stunden mit ihnen. Sowohl sie als auch wir finden das Gespräch wichtiger als den eigentlichen Tagesplan. Welcher Luxus, wenn man diese Freiheit hat!

Unser nächster Stopp ist ein Campingplatz außerhalb eines anderen weißen Dorfes namens Olvera. Der Campingplatz liegt auf einer Kuppe und hat eine 360-Grad-Aussicht. Die Rezeptionistin telefoniert unablässig und ist bemerkenswert unfreundlich, die Atmosphäre auf dem Platz irgendwie seltsam. Aber für zwei Nächte ist alles ok. 

Olvera aus der Ferne.

Olvera thront spektakulär auf einer Bergkuppe und wird dominiert von einem maurischen Kastell und einer Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Man sieht das Dorf von weitem, und zwar aus verschiedenen Richtungen. Ich mache noch einen kleinen Fahrradausflug dorthin, aber in dem Fall ist der Eindruck von weitem beeindruckender als aus der Nähe. Immerhin hat man schöne Ausblicke von oben ins Land. Ich schaue mir die Kirche La Encarnación an, deren Fassade vor sich hin bröckelt. Innen gibt es mindestens fünf Marien- und mehrere Heiligenfiguren, alle mit echten Gewändern ausstaffiert. 

La Encarnación in Olvera.
Viel Gold, echte Gewänder und gemalte Tränen.

Direkt unterhalb der Burg liegt der Friedhof, von dem aus man weit ins Land blicken kann. Die Grabstätten sind schließfachartig angeordnet, mit Marmorrahmen, in denen die Namen der Verstorbenen neben Marien- oder Jesusdarstellungen stehen und mit Kunstblumen geschmückt sind.

Der Friedhof unterhalb des maurischen Kastells.

Donnerstag, 23.2.

Nach dem Frühstück fahre ich mit dem Rad nach Setenil de las Bodegas, in dem die Häuser in die Felsüberhönge eines ausgewaschenen Flusstals gebaut sind. Der Weg dorthin führt über kleine Landstraßen und ist grandios. Es ist zwar kühl, aber die Sonne scheint, und die Berge und Hügel erinnern mich abwechselnd an den Hegau oder den Schwarzwald. Die Vegetation ist natürlich mediterran, es gibt überall Olivenplantagen, und an den Straßenrändern wuchern Agaven. In den Plantagen wird überall gearbeitet und viel Grünzeug verbrannt. Ich bin wieder sehr froh über mein E-Bike, weil die Strecke entweder bergauf oder bergab führt. Mit ein bisschen Antrieb ist das gar kein Problem.

Die Häuser in Setenil sind in die Felsüberhönge eingebaut.
Die Rückwand in dieser Bar ist ais Fels,
Wahnsinnig schöne Landschaft – und Bauern bei der Arbeit.

Am Nachmittag widmen Claus und ich uns einer wichtigen Aufgabe: der Entsalzung und Entsandung unseres Wohnmobils! Durch die Stürme in Tarifa ist das Auto voller Salz und Saharastaub. Dass wir überhaupt noch etwas durch die Scheiben sehen können, grenzt an ein Wunder. Bei meinem Ausflug nach Olvera habe ich eine Waschstation für LKWs gesehen, die steuern wir an. Porentief rein ist der Wagen danach immer noch nicht, aber wie können wieder durch die Fenster blicken.

Freitag, 24.2.

Heute steht die Mezquita von Cordoba auf dem Programm. Ich habe online eine Eintrittskarte mit Führung gebucht. Die zweistündige Fahrt nach Cordoba ist wieder ein Erlebnis, wenn auch ganz anders als in den letzten Tagen. Zunächst fahren wir durch hügelige Landschaften voller Olivenbäume. Dann wird es flacher. Die Olivenbäume bleiben. Die Landschaft ist weit, der Himmel riesig, und außer einigen Traktoren begegnen uns in der ersten Stunde nur wenig Fahrzeuge. Cordoba liegt in dem weiten, fruchtbaren und landwirtschaftlich intensiv genutzten Tal des Guadalquivir. Dahinter beginnt gleich die nächste Bergkette. Ich habe einen Campingplatz in der Stadt ausgesucht, aber dummerweise nicht vorher angerufen. Als wir ankommen, ist der Campingplatz geschlossen. Praktischerweise gibt es gleich daneben ein Hinweisschild auf den nächsten Platz (vielleicht ging es mehreren anderen wie uns!). Dem folgen wir und kommen 7 km außerhalb von Cordoba in die Berge. Dieser Campingplatz liegt mitten in einem Naturschutzgebiet und ist ein Traum, aber leider ausgebucht. Wir bekommen trotzdem noch ein Plätzchen. Zurück nach Cordoba geht es dann nur mit dem Taxi, aber das klappt problemlos.

Stadtviertel Judería in Cordoba.

Vor der Führung schlendere ich noch ein bisschen durch die Altstadt und die sogenannte „judería“, das ehemalige Judenviertel, in dem es allerdings seit dem letzten Progrom im 15. Jahrhundert kein jüdisches Leben mehr gibt. Die Gässchen sind malerisch, voller Restaurants, Cafés, Bars, Eisdielen und unglaublich vollgestopften Souvenirshops. Und voller Touristen. Meine Güte, es ist ja erst Februar, wie geht es denn hier im Sommer zu?

Die Führerin durch die Mezquita ist eine zierliche Spanierin mit dem sprichwörtlichen spanischen Temperament und tiefer Stimme. Wir bekommen Empfangsgeräte und Ohrstöpsel und können sie somit immer gut verstehen. Sie erzählt mir später, dass sie Kunsthistorikerin ist und sich auf die Geschichte der Mezquita spezialisiert hat. Das merkt man bei jedem Satz. Ihr fundiertes Wissen und ihre Begeisterung für dieses Gebäude reißen die ganze Gruppe mit.

In der weitem Halle sollte sich der Geist frei entfalten können.
Die bunt bemalte Holzdecke überhalb der Rundbögen wurde an einigen Stellen restauriert.

Und die Mezquita ist wirklich unglaublich! Ein über 14.000 Quadratmeter großes Gebäude mit 856 noch existierenden Säulen und Rundbögen. Für die ältesten Teile der Mezquita wurden römische und westgotische Säulen und Kapitelle „recycelt“. Um die unterschiedlichen Höhen der Säulen auszugleichen, wurden sie entweder in den Boden eingelassen oder auf Podeste gestellt. Die Säulen tragen die charakteristischen Doppel-Rundbögen, gestreift aus terrakottafarbenen Ziegeln und weißen Kalksteinen. Nach mehreren Erweiterungen hatte die Moschee 19 Längsschiffe, war 134 Meter breit und 179 Meter lang. Der riesige,, horizontal ausgerichtete Gebetsraum bit Platz für 40.000 Gläubige. Da die Portale an der Nordwand offen waren, floss Licht durch die Halle, was die Farben anders zum Leuchten gebracht haben wird als heute.

Der Mihrâb, die nach Mekka gerichtete Gebetsnische.
Der Mosaikbogrn über dem Mihrâb wurde von bycantinischen Kunsthandwerkern geschaffen.

Das Besondere an der Mezquita ist die Gleichzeitigkeit von Baustilen aus mehreren Jahrhunderten. Auf dem Fundamenten einer christlichen Kirche wurde im 8. Jahrhundert  eine Moschee („Mezquita“) errichtet, in die nach der Reconquista unzählige Grabkapellen sowie – und das ist wohl weltweit einmalig – eine Kathedrale hineingebaut wurden. Inmitten der islamischen Säulen- und Rundbögenarchitektur erhebt sich eine Kirche. Seit dem 13. Jahrhundert ist die „Mezquita Catedral“ ein katholisches Gotteshaus, in dem Messen, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zelebriert werden. Islamische Architektur aus dem 7. bis 10. Jahrhundert wechselt sich aprupt ab mit gotischen Spitzbögen und Rosettenfenstern und Renaissance-Elementen. Die beeindruckende Schönheit der islamische Säulenhalle wurde dabei empfindlich beeinträchtigt, was sogar König Karl V., der die Genehmigung für den Bau der „Capella Mayor“ erteilt hatte, beklagt haben soll. Aber wie uns unsere Führerin erklärt, ist die Mezquita auch ein Beispiel für die Koexistenz der verschiedenen Stile. Andernorts, zum Beispiel in Sevilla, wurden die Moscheen zerstört, bevor die christlichen Kirchen auf ihren Trümmern errichtet wurden. In Cordoba hingegen blieben die islamischen Elemente erhalten. So wurde zum Beispiel der Glockenturm um das Minarett herumgebaut und existiert bis heute, wenn auch von außen nicht sichtbar. Wegen dieses einzigartigen Nebeneinanders völlig unterschiedlicher Baustile gehört die Mezquita zum UNESCO Weltkulturerbe. 

Blick in die Capella Mayor, für die 63 Säulen weichen mussten.
Geld spielte wohl keine Rolle: Der obere Altaraufsatz ist aus Silber und Gold und wiegt 200 kg.

Nach zwei Stunden Führung bin ich etwas geplättet und schlendere nur noch kurz zum Fluß. Auf der ehemaligen römischen Brücke (die heutige ist eine Rekonstruktion) tummeln sich Menschen und hören verschiedenen Straßenmusikanten zu, deren Musik sich gelegentlich überlappt. Es ist eine heitere, entspannte Atmosphäre. 

Samstag, 25.2.

Nach dem Frühstück fahren wir über Landstraßen Richtung Sevilla. Wieder ist die Fahrt traumhaft schön. In einem weiten blauen Himmel hängen Wolken wie an Schnüren, wir sehen kilometerweise Oliven- und Orangenplantagen und grasgrünen Weizen. Nachdem wir aus Cordoba heraus sind, wird auch der Verkehr immer spärlicher, und wir haben gelegentlich das Gefühl, wir sind allein auf dieser Straße.

Wir fahren auf einen Campingplatz in einem Vorort von Sevilla, von wo es eine direkte Busverbindung in die Stadt gibt. Diesmal habe ich vorab keinen Eintritt gebucht, was sich als Fehler erweist. In der Tourist Information schüttelt der nette Mitarbeiter nur müde den Kopf, als ich   nach Eintrittskarten für die Kathedrale frage. Das gleiche beim Königspalast Alcazar. Für den bekomme ich dann online eine Karte für Sonntag, für die Kathedrale ist das ganze Wochenende ausgebucht. Nix Nebensaison. Die Stadt ist voller Menschen, vorwiegend Spanier, die wie ich später erfahre ein Brückenwochenende vor sich haben (der kommende Dienstag ist ein Feiertag in Andalusien). 

Die Plaza de España wurde für die Weltausstellung 1929 gebaut und bildet alle spanischen Provinzen ab.

Egal, die Kathedrale ist auch von außen imposant und hat ungeheure Ausmaße. Vor dem Baubeginn Amfang des 15. Jahrhunderts sollen die Kirchenoberhäupter sich vorgenommen haben, „eine Kirche zu bauen, die so groß ist, dass künftige Generationen uns für verrückt halten“ (so steht es im Reiseführer Lonely Planet). Sie gilt jedenfalls als die größte gotische Kathedrale der Welt.

Die Kathedrale von außen, im Hintergrund der Kirchturm (Giralda).

Statt der Kathedrale schaue ich mir ein modernes Bauwerk an, den „Metropol Parasol“, den die Sevillaner liebevoll in „Las Setas“, „die Pilze“ umgetauft haben. Das größte Holzbauwerk der Welt steht auf der Plaza de la Encarnación, auf der Anfang der 70er Jahre eine alte Markthalle abgerissen wurde. Danach stand der Platz über 40 Jahre lang leer, bzw. wurde als Parkplatz genutzt. Anfang der 2000er Jahre lobte Sevilla einen Architekturwettbewerb für eine neue Nutzung aus, den der damals junge Berliner Architekt Jürgen Mayer gewann. Die Bauzeit für das neue Wahrzeichen Sevillas war deutlich länger und die Baukosten deutlich höher als geplant. Aber seit seiner Eröffnung im Jahr 2011 ist der Parasol zu einem beliebten Treffpunkt für Sevillaner und Touristen geworden. Die Konstruktion mit ihren organischen Formen ist 150 Meter lang, 70 Meter breit und 26 Meter hoch. Man kann mit einem Lift nach oben fahren und auf einem 250 Meter langen Rundweg über die Pilze die Stadt nach allen Richtungen von oben erleben. Unten gibt es einen erhöhten Platz sowie mehrere Freitreppen. Überall verweilen Menschen, sitzen auf den Stufen, hören Straßenmusikanten zu. Rund um den Platz sind Restaurants und Cafés. Die Pilze und der Raum, den sie gestalten, sind ein beliebter und lebendiger Treffpunkt in Sevilla geworden. Der Parasol hat etwas Magisch-Heiteres an sich.

Parcours über die Setas mit Blick auf die Kathedrale im Hintergrund.
Im Inneren des Parasols wird die Konstruktion und der Aufbau erklärt.
Platz unterhalb des Parasols.

Sonntag, 26.2.

Nach dem Frühstück nehme ich wieder den Bus nach Sevilla, um mir den Königspalast Alcazar anzusehen. Die Stadt ist noch voller als am Samstag. Auch über die großen Avenuen schieben sich Menschenmassen. Vor dem Alcazar bilden sich Schlangen, obwohl alle, die anstehen, bereits für ein bestimmtes Zeitfenster ihr Ticket haben. Der Palast, oder besser das Palastensemble, ist wieder ein überwältigendes Beispiel für die Vermischung islamischer und christlicher Architektur. Er dient heute noch der spanischen Königsfamilie als Residenz und ist damit der älteste bewohnte Palast Europas. Ursprünglich wurde er im 8. Jahrhundert als maurische Festung angelegt und in den darauffolgenden Jahrhunderten zum Palast erweitert.

Eingangsportal zum Palast Pedros I. mit arabischen und lateinischen Inschriften.

Das Herzstück der Anlage, der Palast von Pedro I. (genannt der Grausame) wurde von einem christlichen Herrscher im maurischen Stil erbaut (die Mischung wird als Mudéjar-Architektur bezeichnet). Spätere katholische Herrscher erweiterten den Palast um gotische Elemente. Wohn- und Representationsräume gruppieren sich um mehrere wunderbar angelegte maurische Innenhöfe mit Bäumen und Brunnen.

Der schönste der Innenhöfe: Patio de las Doncellas (Mädchenhof).

Und die ganze Anlage öffnet sich zu einem Labyrinth wunderschöner Gärten mit sorgfältig angelegten Sichtachsen, mit Pavillons, Bächlein und Brunnen. In den Gärten verlaufen sich die Menschenmassen gnädigerweise etwas. Ich überlege, wieviele Millionen von Handyfotos hier täglich gemacht werden. Praktisch jeder läuft  mit dem gezückten Smartphone in der Hand herum. Ich ja auch! 

Die Parkanlage mit der Galeria del Grutresco (rechts), von der aus man den Park von oben betrachten kann,
Für seine Geliebte Maria de Padilla ließ Pedro I. unterhalb des Palasts ein großzügiges Bad bauen.

Nach der Besichtigung erhole ich mich im Museumscafé, das auch im Park liegt und von mehreren penetranten Pfauen bevölkert wird. Den anwesenden Kindern sind die Vögel definitiv nicht geheuer, was ich gut verstehen kann. Beim Weiterschlendern durch die Stadt entdecke ich noch ein kleines, aber feines Museum, das „Hospital de los Venerables Sacerdotes“, ein ehemaliges Hospiz für betagte Priester. Der Barockbau ist – angelehnt an die maurische Architektur – um einen geradezu heiter anmutenden Innenhof mit Säulengang, Keramikfliesen und Orangenbäumen herum gebaut. Nicht nur die Kapelle ist mit Trompe-l‘oeil-Malerei ausgeschmückt, sondern sogar die Sakristei. Das Museum zeigt eine winzige Sammlung von Meisterwerken von Diego Velazquez und Bartomolé Murillo. Es sind nur einige wenige Gemälde, aber die sind wirklich exquisit. Dieses kleine Museumsschätzchen ist wie eine Erholung nach dem Besuch des Alcazar.

Innenhof im Hospital des los Venerables Sacerdotes.
Beeindruckende Trompe-l‘oeil-Malerei von Valdés Leal in der Sakristei.

Auf dem Rückweg zum Bus laufe ich an einem Café vorbei, das „Churros con chocolate“ anbietet. Das ist eine typisch spanische Kalorienbombe, von der unsere Spanischlehrerin Bea immer geschwärmt hat. Diese Kultur der etwas anderen Art muss zumindest ausprobiert werden. Lustig ist, dass gleich mehrere Spanier beim Vorbeilaufen so etwas wie „aahh, churros“ von sich geben.

Spanische Kalorienbombe: Churros (frittierte Teigkringel) mit heißer Schokolade,
Flamenco gibt‘s in Sevilla auf der Straße.

Montag, 27.2.

Nach drei Tagen Kultur und Stadt freuen wir uns beide wieder auf ein bisschen Natur. Weil das Wetter die nächsten Tage kälter werden soll, fahren wir nochmal ein Stück nach Süden, und zwar in das Dorf El Rocío im Doñana Naturpark. Der Doñana-Park ist ein riesiges Feuchtgebiet im Flußdelta des Guadalquivir und ein einzigartiges Biotop mit vielen seltenen Vogelarten, darunter Flamingos, mit Luchsen und freilaufenden Hirschen. 

El Rocío im Doñana Nationalpark.

Das Dorf El Rocio selbst liegt malerisch an einem Marschsee, in dem Flamingos umherstolzieren, und entpuppt sich als Biotop ganz anderer Art. Das 800-Seelen-Dorf ist jedes Jahr um Pfingsten Treffpunkt von rund 1 Million (!) Pilgern aus dem ganzen Land. Ziel der Pilger ist die Statue der Heiligen Jungfrau aus der Kirche Ermita del Rocio, die am Pfingstsonntag aus der Kirche durchs Dorf getragen wird. 

Die Kirche Ermita de el Rocío stammt ais den 1960er Jahren.
Die Madonna von El Rocío wird bei der Pilgerfahrt an Pfingsten durch den Ort getragen.
Wie im Western: breite Sandpisten statt Straßen.

Der ganze Ort besteht aus Sandstraßen. Für 800 Einwohner ist er riesig, was daran liegt, dass über 100 Pilger-Bruderschaften große Herbergen vorhalten. Die sind das ganze Jahr über unbewohnt, und die breiten Sandpisten dazwischen menschenleer. Jetzt ist zwar noch nicht Pfingsten, aber wegen des andalusischen Feiertags am Dienstag sind trotzdem viele Menschen im Dorf. Die Besucher heute konzentrieren sich um die Kirche und auf der Promenade. Viele sind hoch zu Roß oder fahren auf Pferdefuhrwerken, manche auf richtigen Planwagen. Vor den Häusern sind praktischerweise Querbalken montiert, an denen man die Pferde festbinden kann. Ebenfalls rund um die Kirche gibt es Souvenirshops, die Votivbilder, Anhänger, Kerzen und alle möglichen Scheußlichkeiten mit dem Bild der Madonna anbieten. Das Ganze ist wirklich höchst schräg und erinnert mehr an Mittelamerika als an Mitteleuropa. 

Dienstag, 28.2.

Der Naturpark Doñana ist ein streng reglementiertes Natueschutzgebiet, das nur auf sehr wenigen und abgegrenzten Wegen betreten werden darf. Kurz hinter dem Dorf gibt es ein Besucherzentrum, von wo aus ein knapp 4 km langer Rundweg zu vier Vogelbeobachtungs-Stationen führt. Die Profis trifft man dort mit Ferngläsern und riesigen Teleobjektiven. Fürs Handy sind die Vögel leider etwas zu weit weg.

Flamingos in der Marschlandschaft des Doñana-Parks.
Vogelbeobachtungsstationim Doñana-Park. Vor den Schlitzen sind Bänke und „Fensterbretter“ für die Kameras.

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Spanien, Januar 2023

Spanische Glückstrauben, fertig abgepackt. Um 12 Uhr wird pro Glockenschlag eine Traube verspeist.

Sonntag, 1.1.2023

Wir verbringen fast den ganzen Tag mit SMS, WhatsApp und Telefonieren mit unserer Familie und Freunden. Und wir lernen unsere anderen Platznachbarn kennen, Judith und Martin aus Berlin. Die sind vor genau einem halben Jahr losgefahren und tingeln seither mit ihren Fahrrädern durch Europa. Beide haben gespart, ihre Jobs und ihre Wohnung gekündigt und wollen die Welt erkunden, „solange es noch geht“. Auf normalen Fahrrädern (keine EBikes) transportieren sie alles, was sie brauchen, vom Zelt bis zur Ukulele. Martins Fahrrad wiegt mit Gepäck 86, Judiths 66 Kilogramm – jeweils ohne Fahrer.* Sie sind damit durch Frankreich, über die Pyrenäen, über die beiden Cordilleras und durch Portugal gestrampelt, im Schnitt 20-40km am Tag. Sie haben einen ganzen Monat lang Regen erlebt, während dessen ihre Kleidung nie ganz trocken wurde. Sie wollten sich drei Wochen lang in einer Villa erholen, die sie im Internet gefunden hatten. Für drei Stunden Mitarbeit täglich im Garten und bei den Tieren wurde ihnen freie Unterkunft mit Wasserbett und Swimmingpool versprochen. Nach vier Tagen brachen sie diese vermeintliche Erholungspause wieder ab, völlig angeekelt von den unhygienischen Zuständen auf dem Hof. So lange und ausführlich wie sie darüber berichteten, war dies das schlimmste Erlebnis ihrer bisherigen Reise. Martin und Judith stellen ihr Zelt normalerweise irgendwo in der Natur auf, in der Hoffnung ungestört zu bleiben. Das klappt meistens, gelegentlich aber auch nicht, Die zwei Nächte auf dem Campingplatz sind deshalb auch eine Erholung für sie. Am nächsten Tag packen sie ihre Räder wieder, um mit der Fähre nach Tanger überzusetzen und durch Marokko zu radeln. Sie haben kein Endziel für ihre Reise, und auch keinen Endtermin. 

Das Rad mit Gepäck wiegt 86 Kilogramm!

Unglaublich, mit wie wenig man auskommen und reisen kann, wenn man nur will (und jung genug ist). Im Vergleich zum Leben im Zelt, wo man auf dem Fußboden hocken muss und nur eine Isomatte als Unterlage hat, kommt uns unser Wohnmobil wie die pure Luxusunterkunft vor. Was sie im Vergleich dazu ja auch ist. Es gibt unterschiedliche Camper-Lifestyles. Wir gehören eher in die Normalo-Fraktion, DURO-Helga und Martin und Judith sind Extrembeispiele.

*(Claus) Diese Räder sind das absolute Kontrastprogramm zu den Triathlon-Rädern, der Kölner! 30 Jahre alte Mountainbike-Rahmen und den Rest selbst zusammengebaut. Absolute Priorität sind die Belastbarkeit und Stabilität. Leichtbau und Geschwindigkeit ist hier gar kein Thema!

Montag, 2.1.2023

Für nachmittags ist Regen angesagt, aber tatsächlich beginnt der schon nach dem Frühstück. Wir verschieben den eigentlich für heute geplanten Ausflug und fahren statt dessen nur zum Einkaufen und zum Wasser ablassen und – tanken. Nachmittags bei einem Strandspaziergang steht die Gischt aus der Brandung wie Nebel über dem Horizont. Weil überhaupt kein Wind ist, tummeln sie die Kite-Surfer heute als Wellenreiter im Wasser. Wie Seehunde paddeln sie mit ihren Boards unermüdlich hinter die Wellen, um dann in wenigen Sekunden zurück zu surfen. Sieht anstrengend aus. Und wir fragen uns, wie viele Bretter man als Surfer denn so dabei haben muss. 

Surfer auf der anstrengenden Suche nach der Welle.
Heute eine ganz andere Stimmung: Nebel vor Tarifa.

Dienstag, 3.1.2023

Morgens bestätigt der Campingchef, dass heute tatsächlich der Gasmann vorbeikommen soll. Freudestrahlend marschieren wir zur Rezeption, als ein Wagen voller Gasflaschen an uns vorbei fährt. Zu früh gefreut, das war der falsche Gasmann: Repsol statt Cepsa. „An Repsol-Flaschen kommen Sie nicht ran“, erklärt der Chef. Wir warten weiter. Am späteren Nachmittag teilt uns die Rezeption mit, dass der richtige Gasmann zwar da war, aber keine Flasche mehr übrig hatte. „Mañana“. OK – die Gas-Soap-opera geht in die nächste Runde.

Beim Strandspaziergang ist wieder kein Wind, dafür recht viel Brandung. Auch heute sind die Wellensurfer am Paddeln, und zusätzlich gibt es eine neue Surfer-Sub-Spezies: Stand up paddling-Surfer. Die stellen sich aufs Board und fahren stehend mit dem Paddel in die Wellen. Sieht nicht so cool ais wie normale Wellenreiter, geht aber vielleicht etwas schneller.

SUP-Surfer.
„Drachenzähne“: Felsreihen, die bei Ebbe auftauchen.

Abends treffen wir uns mit unseren Kölner Nachbarn Eva und Michael zum Abendessen in der Campingbar. Bis 2019 hatten sich beide neben ihren Berufen auf Sportwettkämpfe konzentriert, Michael auf Triathlons, Eva auf Radrennen. Corona brachte die Wettkämpfe auf einen Schlag zum Stillstand und bewirkte ein Umdenken bei den beiden. Beide treiben heute immer noch viel Sport, inzwischen auch andere Sportarten, ordnen aber nicht mehr ihre ganze Freizeit den Wettkämpfen unter. Am liebsten machen sie immer noch Radtouren – mit einem der 15 Spezialräder, die sie im Keller stehen haben. Leider fahren die beiden morgen schon wieder ab – wir hätten noch länger plaudern können. Aber wir tauschen unsere Kontaktdaten aus und hoffen, dass wir uns irgendwo mal wieder treffen.

Mittwoch, 4.1.

Beim morgendlichen Brotholen ruft der Rezeptionsmitarbeiter beim Gasmann an, um eine mögliche Uhrzeit in Erfahrung zu bringen. Als wir kurz vor der vereinbarten Zeit um 13 Uhr wieder an der Rezeption stehen, ruft er erneut an. Auf unseren Einwand, dass es ja noch nicht einmal 13 Uhr sei, erklärt er: „Yes, but this is Spain“. 

13:15 ist der Gasmann da. Mit Gasflaschen. Unfassbar, dass wir ohne weitere Probleme eine Flasche erstehen können. Dann muss nur noch die Gasflasche mit dem Regulator angeschlossen werden. Wir lesen uns die Regulator-Gebrauchsanweisung mehrfach gegenseitig vor. Nach einer Stunde sitzt der Regulator fest auf der Flasche und es zischt nicht mehr (Zischen nicht gut!), und nach dem gefühlt 20. Versuch kommt auch tatsächlich Gas aus dem Herd. Wir haben es geschafft!

Original spanische Gasflasche mit Regulator – angeschlossen!

In Zukunft fahren wir nur noch nach Spanien – die Gasflasche haben wir ja jetzt.

Donnerstag, 5.1.2023

Wir machen einen Ausflug nach Vejer de la Frontera, eines der weißen Dörfer Andalusiens, das etwa 40 km entfernt an der N340 liegt. Es gibt hier in der Gegend mehrere Dörfer und Städte mit dem Zusatz „de la Frontera“, also „an der Grenze“. Das bezieht sich auf das umkämpfte Grenzgebiet zwischen Mauren und Christen während der jahrhundertelang dauernden Reconquista. Das Dorf Vejer de la Frontera liegt etwas im Landesinneren und klebt förmlich auf einem Felsen, der eine weite Ebene beherrscht. 

Vejer de la Frontera von der N340 aus gesehen.

Wir fahren beim ersten Ortsschild nach oben, was sich als Fehler erweist. Als wir das LKW-verboten-Schild bemerken, ist es schon zu spät. Wir können nicht mehr wenden. Ein halsbrecherisches Weglein schraubt sich zum Dorf hoch, und bei jedem entgegenkommenden Auto halten wir die Luft an. Im Dorf angekommen, wird es nicht besser. Wir landen auf einer Art Marktplatz. Es hilft nichts, Claus muss wenden. Ein nettes spanisches Pärchen warnt uns auf Spanisch vor irgendetwas, das wir nicht verstehen. Immerhin erklärt mir die Frau in gebrochenem englisch, dass es einen Parkplatz bei der Tourist Information gebe. Die kann ich ins Navi eingeben – und Claus muss nur noch das kleine Sträßchen wieder hinunterkommen, was er aber bravourös meistert. 

Die richtige Auffahrt zum Dorf windet sich zwar auch in Serpentinen nach oben, ist aber deutlich breiter. Auf Anhieb finden wir besagten Parkplatz und bekommen in der Tourist noch einen Stadtplan und Tipps für den Besuch. Die Altstadt von Vejer de la Frontera hat eine Burg und eine komplett erhaltene Stadtmauer, jeweils aus unverputzten gebrannten Ziegeln. Der Rest ist strahlend weiß. Es gibt beeindruckende Ausblicke aufs Umland und auf die – ebenfalls blendend weiße – „Neustadt“ auf einem Hügel gegenüber. 

Aus- und Durchblick Richtung Neustadt. Vorne Repsol-Flaschen (der Gasmann war unterwegs).

Auf einem kleinen Aussichtsplatz steht die Skulptur einer schwarzen verhüllte Frauenfigur, die wir zunächst für eine Nonne halten. Tatsächlich stellt sie eine „Cobijada“ dar, eine voll verschleierte Frauenfigur, wie es in der Gegend üblich war. Nur ein Auge durfte noch herausschauen! General Franko verbot die Verschleierung 1939, womit er wenigstens eine gute Tat in seinem Leben vollbracht haben dürfte. 

Verschleierte „La Cojiada“ und Ausblick auf die Neustadt.
Weiter Blick uns Land.

Wir bummeln durch das Dörfchen, trinken einen Kaffee und werden durch wunderbare Musik in eine kleine Kunstgalerie gelockt. Die Galeristin erklärt auf französisch, dass sie selbst die meist spanischen Künstler aussucht. Wir sind richtiggehend hingerissen von dem Kunstgenuss in schönen alten Räumen und der Untermalung mit klassischer Musik. Am Ende landen wir wieder auf dem Marktplatz, was ohne Auto wesentlich entspannter ist. In einem arabischen Lokal essen wir sehr lecker zu Mittag.

Marktplatz von Vejer de la Frontera mit Brunnen, Palmen und diversen Kneipen.
Die mit Kacheln verzierten Brunnen sind typisch für andalusische Dörfer.

Auf dem Rückweg machen wir einen Abstecher über zwei Dörfer am Meer: Barbate und Zahara de los Antunes. Die Fahrt ist malerisch, vor allem durch das Naturschutzgebiet am Meer. Beide Dörfer jedoch sind sehr touristisch, die sparen wir uns. 

Wir fahren durch ein Naturschutzgebiet mit Feuchtwiesen.
Ohne Windräder geht nichts!

Freitag, 6.1.2023

Ich mache eine Radtour ins Hinterland zum Camino de Ojén (Teil der Euroradwegs 8), der auf ein Hochtal im Naturpark Les Alocornales führt. Auf dem Hinweg besuche ich die kleine Marienkapelle Santuario Nuestra Señora de la Luz. Die Kapelle selbst hat geschlossen, aber in einer Seitenkapelle darf man ein Kerzchen anzünden. Vielleicht liegt es am Feiertag heute, jedenfalls wird davon wird rege Gebrauch gemacht.

Marienkapelle „Unsere Frau des Lichts“
zen Vor der blauen Madonna sind nur blaue Kerzen erlaubt.

Der Weg ist super zu fahren (auch ohne Mountainbike) und führt durch grandiose Landschaften. Ich fahre im T-Shirt los, aber sobald sich eine Wolke vor die Sonne schiebt, wird es kalt. Trotzdem blüht hier schon vieles, und die Vögel zwitschern! keine Winterstille in Tarifa.

Hochebene auf dem Camino de Ojén.
Hier oben gibt es auch drei Stauseen.


Samstag, 7.1.2023

Wir müssen wieder waschen. Wenn es nicht regnet (soll erst morgen der Fall sein), ist alles in paar Stunden trocken!

Orange dominiert 🙂

Außer Wäschewaschen haben wir heute noch ein weiteres Projekt: die Reparatur eines Campingstuhls, dessen Lehne sich immer löst. Claus schraubt die Armlehne auseinander und stellt fest, dass eine Mutter fehlt. Ich biete mich an, selbige in meinem Lieblingsladen, der Ferreria zu besorgen. Ich bin wieder begeistert. Nicht nur vom Sortiment, das vom Bügeleisen bis zum Dieselaggregator reicht.

Hier gibt‘s einfach alles. Das toppt Amazon um Längen.

Man wird auch noch persönlich bedient und bekommt gleich zwei Muttern zur Auswahl vorgelegt. Nach einem Kauf von 2,40 EUR ziehe ich von dannen. Davon waren 2,35 EUR für eine Küchenrolle und 5 Cent für die Mutter. Dass Claus den Stuhl dann ohne dieselbe reparieren konnte, steht auf einem anderen Blatt. Die Stuhllehne ist jedenfalls fest, und der Ausflug war auch super.

Sonntag, 8.1.

Es hat 5-7 Beaufort Wind aus West. Das bedeutet, dass sich die Kite-Surf-Cracks an dem Strandabschnitt direkt bei uns austoben. Es wäre wirklich interessant zu wissen, welche Geschwindigkeiten sie dabei erreichen (schnell!) und wie hoch die Sprünge sind, die sie machen (sehr hoch!). Manche machen richtige Akrobatik in der Luft, drehen sich, nehmen ihr Board in die Hand und fahren ungebremst weiter, sobald sie wieder auf dem Wasser sind. Ein echtes Spektakel.

9.1. – 13.1.2023

Claus: Lange haben wir uns nicht gemeldet. Warum? Unser Leben hat sich verändert😉Seit einer Woche besuchen wir in Tarifa einen Spanisch-Kurs für Anfänger!

Der Eingang zur Schule

D.h., morgens um 7:45 klingelt der Wecker. Es wird schnell gefrühstückt (von Jeannine bereits am Abend vorher vorbereitet). Da es um 8:00 noch stockfinster ist und kalt, frühstücken wir zwangsweise im Auto. Danach werden die dicken Pullis, Daunenjacken und Handschuhe (es ist ca. 12 Grad) angezogen, und wir schwingen uns auf die Räder. Die Fahrt zur Schule dauert rund 20 Minuten – abhängig vom Wind…bei Gegenwind sind es gefühlt 2 Stunden.

Dort angekommen, lasse ich mir einen Nespresso-Kaffee aus der Maschine (1.- Euro, Wasser und Tee sind gratis) und wir gehen in unseren Klassenraum, ca. 4×4 m gross. Es gibt fünf Klassenzimmer. Parallel finden dort weitere (auch Fortgeschrittenen-) Kurse statt, d.h. das morgendliche Anstehen bei der Getränkeausgabe betrifft ca. 25 Schüler/innen und fünf Lehrer. In der Schule sind mit Ausnahme der drei Jugendliche aus unserem Kurs nur Erwachsene verschiedener Nationalitäten.

Die Cafeteria im Flur.

Wir verbringen täglich vier Stunden (9:30 bis 13:30) mit unserer Lehrerin Bea (40) und vier Mitschülerinnen (Mutter 57, deren 2 Kindern 17 und 13, und der 16 jährigen Freundin). Obwohl also fünf Schülerinnen im Kurs sind, sind wir „Chicos“, da ich als Mann dabei bin. Soweit das „gendern“ in Spanien.

Bea verteilt die Lehrbücher (ca. 3 kg, zu Transportieren im Rucksack auf den Velos….). Dann beginnt sie zu reden, auf spanisch und nur auf spanisch. Für uns extra sehr, sehr, sehr langsam – was aber immer noch sehr, sehr schnell ist. Ich überlege, für welche Sprache ich einen Sprachkurs belegt habe, da ich nichts verstehe. Wenn gar nichts geht, fragen wir auf Englisch nach. Bea spricht etwas englisch, aber kein Wort deutsch. Das Worte- und Grammatik-Ratespiel beginnt.

Immerhin ist es gut 40 Jahre her, dass wir (zumindest Jeannine und ich) uns in einer solchen Situation befunden haben. Ach so: Rauchen darf man im Klassenzimmer auch nicht😢 Nach den ersten sehr langen vier Stunden am Montag frage ich mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Zudem bekommen wir tatsächlich noch Hausaufgaben auf!

Wir radeln zurück zum Campingplatz, und ich geniesse es, nicht vollgetextet zu werden. Damit ich meinen Spanien-Schlaf bekomme, gehe ich jeden Abend bereits gegen 21 Uhr ins Bett. Ja, das Leben besteht nun aus Essen, Lernen und Schlafen. Dienstag bis Donnerstag unterscheiden sich nicht vom Montag, ausser dass es immer komplizierter wird, da wir deklinieren, konjugieren, Vokabeln raten und das „R“ rollen müssen.

Freitag, 13:30: Endlich schulfrei! Wir sind ausnahmsweise mit dem Wohnmobil zur Schule gefahren, da wir anschliessend noch unseren Wocheneinkauf machen wollen.

Zurück dem Campingplatz steht vor der Rezeption ein VW-Bus mit KN-Kennzeichen. Wir sprechen die beiden Insassinnen an…irgendwie sind wir uns spontan so sympathisch, dass wir uns zum Apero bei uns am Stellplatz verabreden. Und tatsächlich kennen die beiden – Gabi (62) und ihre Tochter Lorena (23) – eine Menge Leute und Geschäfte, die wir auch kennen. Es wird ein sehr netter und unglaublich lustiger Abend, den wir gemeinsam in der Bar am Meer bei Tapas und drei (!!) Flaschen Rotwein beenden. Die beiden sind seit zwei Wochen unterwegs und wollen noch weitere zwei Wochen durch Spanien tingeln. Sicher werden wir uns später dann auch mal in Konstanz treffen.

Jeannine: Diese Woche hat unser Spanisch-Kurs in Tarifa begonnen und bestimmt seither unseren Tagesablauf. Wir fahren morgens mit den Rädern um kurz vor neun los, was schonmal ein Highlight des Tages ist. Da die Sonne hier zur Zeit erst um 8:30 Uhr aufgeht, ist das sozusagen frühmorgens. Um die Uhrzeit ist relativ wenig Verkehr, und wir fahren nach Osten, buchstäblich der Sonne entgegen. Wenn die nicht von Wolken verdeckt ist, blendet das so, dass man sich eine Sonnenschutzklappe wünscht, Jeder Morgen ist anders und anders schön. Am Dienstag gibt es eine dicke Nebelbank auf dem Meer, die sich langsam auflöst.

Vom Stellplatz aus: Nebelbank auf dem Meer,
Auch Tarifa liegt im Dunst.

In unserem Kurs sind wir zu sechst, fünf „chicas“ und Claus. Bea, unsere Spanischlehrerin, spricht seit dem ersten Tag an ausschließlich spanisch mit uns. Nur wenn es gar nicht anders geht oder für Übersetzungen wechselt sie auf englisch. Die erste Woche ging es um die richtige Aussprache der Buchstaben (viel ch, viel th und noch mehr rollendes r), um Zahlen und um die Konjugation von Verben. Letzteres üben wir mehrfach mit einem Memory, wobei die beiden Töchter erstaunliche Fähigkeiten beweisen und das Konjugieren deutlich weniger Stellenwert bekommt als das Sammlen möglichst vieler Karten.

Es gibt eine kleine und eine große Pause, fast wie in der Schule. In der großen lernen wir nach und nach die Teilnehmer der anderen Kurse kennen. Es sind vorwiegend Deutsche, aber auch einige Holländer. Viele echte Aussteiger und natürlich ganz viele Surfer. Die Familie, die unseren Kurs besucht (der Vater ist bei den Fortgeschrittenen) hat z.B. in Deutschland alles aufgelöst, die Töchter von der Schule abgemeldet und wohnt jetzt mit zwei Riesen-Hunden und einer Katze im Wohnmobil. Sie wissen nicht, wie lange sie bleiben bzw, weiterreisen, ob sie sich in Spanien oder woanders niederlassen oder zurück nach Deutschland kehren wollen. Uns ist nicht ganz klar, wie die Töchter beschult werden. Überhaupt fragen wir uns. wie es für Teenager sein muss, aus dem Freundeskreis herausgerissen zu werden. Einer der Holländer lebt auf einem Boot, ist Veganer, surft und ist schon mit dem Fahrrad nach Santiago di Compostela gefahren. Solche Geschichten hört man hier ganz häufig. Tarifa ist ein Eldorado für Aussteiger aller Art. Manche arbeiten noch irgendwie, teilzeit und online, manche haben noch einen Wohnsitz zuhause (wie z.B. ein Paar aus Litzelstetten, die im Sommer auf dem Bodensee segeln), andere haben alle Brücken abgebrochen. Echt spannend.


Montag, 16.1.23

Claus: Eine neue Woche Spanisch-Kurs hat begonnen. Früh aufstehen, schnell frühstücken, warm anziehen und nach Tarifa fahren. Dann kommt Bea in den Klassenraum und beginnt spanisch zu reden… mehr oder weniger vier Stunden lang. Gestern und heute redeten für 30 Minuten auch mal andere: Wir sahen einen spanischen Lehrfilm.

Das Highlight am Dienstag: das Ocean Race führte durch die Straße von Gibraltar, „direkt“ an Tarifa vorbei – bei Windstärken bis zu 70 km/h. Wir sind wohlweislich nicht mit dem Rad, sondern mit dem Wohnmobil in die Stadt gefahren. Selbst das Laufen war schwierig.

Einer der Ocean-Race-Teilnehmer umrundet die Isla de Palma vor Tarifa.

Heute ist Mittwoch und wir sind noch kurz am Strand (17:00).

Etwas Entspannung nach der ganzen Arbeit.

Freitag, 20.1.

Die ersten zwei Wochen unseres Kurses sind geschafft. Halbzeit! Endlich Wochenende!

Hier noch ein Foto vom morgendlichen Weg zur Schule:

Danach hat man nur wenig Lust auf einen kalten Klassenraum

Weil Freitag ist, genehmigen wir uns Kaffee und Kuchen in einem Café am Hafen.
Selbst die Toiletten der Cafés i. Tarifa sind maritim gestaltet:

Im Café La Tarifeña gibt‘s nicht nur lecker Kuchen.

Sonntag, 22.1.
Claus: Habe gestern eine Entscheidung getroffen: ich werde den Spanischkurs abbrechen. Aus verschiedenen Gründen: 

1. Ab Montag bekommen wir eine neue Lehrerin und sind in einem anderen Kurs. Da anscheinend zwei weitere Schüler hinzukommen, wäre unser Kurs dann zu groß. Finde ich gar nicht gut, da ich mich doch an Bea (unsere Lehrerin) gewöhnt habe und auch an unsere anderen Kursteilnehmerinnen. Schade! 

  1. Es wird nächste Woche kälter (morgens ca. 7 Grad) was mir bei der täglichen Velotour mit dem ebike zu kalt ist. Besonders auch deswegen, weil die Klassenräume noch kälter sind, als es draußen ist. Weiter erkälten möchte ich mich echt nicht. Auch gefällt mir das frühe ausstehen mit dem kurzen Frühstück nicht.

So werden wir morgen versuchen, ob Jeannine noch meine zwei weiteren Wochen Kurs bekommen kann (sie hätte dann 6 Wochen). Das wäre eigentlich perfekt, da sie sehr gut im Thema ist und ihr das (Sprache) Lernen Spaß macht und viel leichter fällt als mir . Schauen wir mal…

Montag, 23.1.

(Claus:) Jeannine verhandelt mit dem Schulleiter…und er willigt ein. D.h. statt je 4 Wochen Kurs, macht Jeannine nun 6 Wochen (und ich bin nach 2 Wochen raus). Ein weiterer Vorteil: Der neue Kurs besteht, inkl. Jeannine, nur aus drei Schülern. Also fast Privatunterricht.

So können wir gemeinsam ein kurzes Frühstück machen und dann radelt Jeannine los. Ich kümmere mich dann um den Abwasch, den Müll usw., sodass wir dann am Nachmittag auch etwas mehr Zeit haben. Was in der Schule Neues dazukam erzählt mir Jeannine und ich höre noch Vokabeln ab. Eine gute Lösung für uns beide – hoffen wir.

Helga und Maria, ihre Freundin, kommen wie jeden Tag auf ein kurzes Gespräch vorbei und erzählen, dass sie Spargel sammeln gehen. Angeblich soll es wilden, grünen Spargel an/auf den Wiesen geben. Ich sage, dass sie mir gerne auch einen Korb voll mitbringen können.

Auf der Rücktour kommen sie, mit sehr magerer Beute, wieder vorbei und Maria schenkt mir netterweise ihre komplette Ernte.

Das Abendessen wird nicht besonders üppig!

Ja, so bleiben wir in Kontakt mit den Mitcampern, da wir an zentraler Position stehen (hier müssen alle vorbei, die ihren Standplatz oberhalb von uns haben). So ergeben sich eigentlich jeden Tag neue, kurze oder längere, Gespräche. Zudem sind wir ja fast schon Dauercamper, da wir nun rund sieben Wochen hier sind. Durch die Spanisch-Kurs-Verlängerung kommen nun ja nochmals ca. vier Wochen hinzu.

Wir sind aber nicht die einzigen, die hier länger bleiben. Neben uns steht ein Münchner, der seit Oktober unterwegs ist und bis ca. April bleibt. Er arbeitet als Programmier im Homeoffice. Das witzige: Sein Chef weiß nicht wo sich dieses Home-Office befindet! Solange er seine Arbeit erledigt, zwischen Surfen und Sonnen, scheint dies aber kein Problem zu sein.
Schön ist auch, dass sich unsere neuen Bekannten aus Köln per WhatsApp gemeldet haben. Sie sind wieder im Alltag angekommen.

Dienstag, 24.1.

(Claus:) Jeannine fährt den zweiten Tag alleine in ihre neue Klasse und ich frühstücke später meine Croissants im Auto, da es heute ziemlich frisch ist. Trotzdem wird es später noch sehr schön.

Gegen 12:00 scheint wieder die Sonne.

Ich lerne dann noch eine Stunde Spanisch mit „Babbel“. Wir wollen doch mal sehen, welche Lernform am Schluss „gewinnt“.

Mittwoch, 25.1.

Nichts außer Regen und Kälte (ca. 12 Grad). Um 17:50 wenigstens noch ein schöner Sonnenuntergang.

Montag, 23.1. bis Freitag, 27.1.

Jeannine: Seit Montag besuche ich die Schule ohne Claus und bin in einer anderen Klasse, was ein bisschen Eingewöhnung braucht. Die Lehrerin Maria macht gelegentlich den Eindruck, als hätte sie keine Lust zum Unterrichten. Andererseits hat sie eine komödiantische Ader und kann sehr lustig sein, wenn sie uns mit Händen und Füßen und viel Mimik etwas vorspielt.

Wir sind nur drei Schüler: Alex (wahrscheinlich Alexander), ein Russe Mitte vierzig, der außer russisch nur miminal englisch spricht und sich sehr schwer tut. Er macht einen etwas grimmigen und unzugänglichen Eindruck. Entsprechend überrascht sind wir, als er sich bei einer Übung auf spanisch als lustig beschrieb. Aber das ist er tatsächlich, wenn er auftaut. Und dann ist da noch Jonathan, 23jähriger Lehramtsstudent aus Kiel und passionierter Kite-Surfer. Er gehört offensichtlich zu der Gruppe der Cracks, die beim richtigen Wind in der Bucht direkt vor der Isla de Paloma ihre Sprünge und Luft-Akrobatik machen. Beim nächsten Mal, wenn es richtig bläst, muss ich mir das genauer anschauen. 

Ein Highlight der Woche ist der Besuch bei einer spanischen Friseuse. Ich habe es dringend nötig, habe aber auch ein bisschen Angst davor, wie ich hinterher aussehen werde. Der Salon hat den Charme einer Eisdiele in einem italienischen Industriegebiet. Hohe Räume, Neonröhren an der Decke, kein Stück Irgendwie gearteter Dekoration. Es ist richtig kalt, vor allem, weil die Tür offen bleibt. Während sie schneidet, redet die Friseuse unablässig mit ihrer Kollegin und anderen Kundinnen in schnellem Spanisch, das mir genau so vorkommt: spanisch! Ich verstehe kein Wort. Aber schließlich redet sie auch nicht mit mir. Dafür schneidet sie meine Haare raspelkurz, was immerhin die Aufmerksamkeit der anderen Kundinnen erregt. Am Ende bin ich sozusagen im Zentrum der Aufmerksamkeit und froh, als die Prozedur vorüber ist. Immerhin war der Friseurtermin unschlagbar billig: 19 EUR habe ich bezahlt. Und die Haare wachsen ja wieder.

In der dritten Schulwoche zieht das Lerntempo an, allein deswegen, weil täglich dutzende neuer Vokabeln dazu kommen. Und Verben – von denen leider erheblich viele unregelmäßig sind. Und viele Synome, bei denen auch Maria nicht immer erklären kann, wann man welches verwendet. Na ja. Zumindest bei Einkaufen und im Restaurant stellen sich die ersten Erfolgserlebnisse ein. Auch mit Maria, der spanischstämmigen Freundin von Duro-Helga kann ich schon erste einfache Sätze plaudern.

Am Freitag wird mir die nächste Änderung mitgeteilt. Wie sich herausstellt, hat Jonathan nur eine Woche Sprachschule gebucht und ist ab Montag nicht mehr da. Alex wiederum hat zwei Tage gefehlt (wie offensichtlich auch schon in der Vorwoche), ist aber noch dabei. Alex (wenn er da ist) und ich kommen wieder in meine ursprüngliche Klasse, die mit 7 Schülern dann recht groß sein wird. Ich lasse das mal ganz entspannt auf mich zukommen. Lernen werde ich trotzdem was.

Samstag, 28.Januar

Im Spanischkurs bekommt man auch Ausflugstipps für die Umgebung. Es gibt einen Berg namens Betis ganz in der Nähe, von dem aus man schöne Ausblicke haben soll. Das Wetter ist genial, sonnig und fast windstill. Ich fahre mit dem Rad zu einem Wanderparkplatz, von dem aus die Tour startet. Schon die Zufahrt ist wunderschön und eine Neuentdeckung. Die Wanderung führt einmal um den Berg herum und ist mit zwei Stunden angegeben. Ich brauche drei, weil der Weg nicht markiert ist und ich mich mehrmals verlaufe. Mitten im Wald bei der Suche nach dem Wanderweg kommt mir eine Gruppe junger Deutscher  entgegen, die ich anspreche. Und wer ist dabei? Jonathan aus dem Spanischkurs!

Geier ziehen Kreise.

Der Blick von oben ist phantastisch, und zwar in alle Richtungen.. An einer Stelle kreisen mehrere Geier über mir, und auf dem Rückweg gibt es die schönsten Ausblicke auf Tarifa und den Jbel Musa, die ich bisher gesehen habe. 

Blick vom Betis auf Tarifa und auf den Jbel Musa (in Marokko).

(Claus) Ich bin ja eher abends unterwegs..:-)

Montag, 30.1. bis Sonntag, 5.2.

Jeannine: Die Woche beginnt am frühen Montag morgen mit einem krachenden Gewitter. Es donnert so heftig, dass wir aus dem Schlaf schrecken. Danach folgt sturzflutartiger Regen. Zur gleichen Zeit hagelt es in Tarifa, und die Wohnmobilstellplätze werden teilweise überflutet. Unsere Spanischlehrerin Bea zeigt Fotos von Hagelhaufen, die aussehen wie Schnee und kann es gar nicht fassen, dass so etwas in Tarifa vorkommt. Radfahren ist heute nicht, weil es auch tagsüber schüttet und stürmt. Claus fährt mich und holt mich auch wieder ab.

Ich bin wieder in meiner „alten“ Klasse. Inzwischen ist noch Nadja dazugestoßen, eine Italienerin, der Spanisch naturgemäß leicht fällt. Sie wohnt in der Nähe von Bologna und arbeitet in einem Kulturzentrum, das sich dem italienischen Partisanenkampf während des zweiten Weltkriegs widmet. Da wir nebeneinander sitzen, ist sie meine neue Partnerin bei den Sprachübungen.

Claus hat auf dem Campingplatz ein Ehepaar aus Mönchengladbach kennengelernt. Die beiden, Herbert und Dagmar, nehmen uns am Mittwoch Nachmittag mit dem Auto auf eine kleine Exkursion mit in die Berge oberhalb von Bolonia. Da war ich auch schon mal mit dem Fahrrad gewesen und hatte die Aussicht bewundert. Diesmal geht es noch ein Stückchen höher, und der Fokus liegt im Himmel. Wir bewundern eine ganze Truppe von Gänsegeiern, die majestätisch über uns kreisen und in den Felsen am Nestbauen sind. Wir bleiben über eine Stunde da oben, und es ist wie Meditation. Die Geier kreisen, der Himmel ist blitzeblau, und die Aussicht grandios.

Der weiße Fleck im Hintergrund ist die Düne von Bolonia.

Danach gibt‘s noch eine Tasse Kaffee und eine Verabredung zum Pizzaessen.

Am Donnerstag macht die ganze Schule (wobei wir momentan nur 9 Schüler sind) eine Exkursion zum Kastell von Tarifa. Schulleiter Gaspar erklärt uns sachkundig die historischen Hintergründe und führt uns durch die Räumlichkeiten. So erfahren wir, dass das Kastell bis in die 1930er Jahre direkt ans Meer angrenzte, und der Zugang zur Stadt durch eines der Tore führte. Erst dann wurde der Hafen gebaut, der heute vor dem Kastell liegt.

Der Hafen von Tarifa vom Kastell aus gesehen.
Schulleiter Gaspar führt uns durch das Kastell.

Das Kastell selbst wurde nach der Eroberung Tarifas im 10. Jahrhundert von den Mauren gebaut. Nach der Rückeroberung durch die Christen 1292 wurde ein (maurischstämmiger) Statthalter namens Guzman in der Burg eingesetzt. Bei einem Angriff der Mauren, die die Stadt 1294 wieder in ihre Hände bringen wollten, geriet Guzmans Sohn in die Hände der Araber. Die Mauren drohten Guzmans Sohn umzubringen, wenn er die Stadt nicht aufgeben würde. Guzman blieb standhaft und weigerte sich, die Stadt für seinen Sohn zu opfern. Das Flehen seiner Frau ignorierend warf er den Mauren noch einen Dolch für die Ermordung seines Sohnes zu. Für diese Heldentat ging Guzman als „il bueno“ (der Gute) in die Geschichtsbücher ein. Überdies erhielt er von König Sancho IV von Kastilien umfassende Fischereirechte sowie Ländereien, die den Reichtum seiner Familie begründeten. Was mit dem Sohn passiert ist, steht nirgendwo. 

Eine Replik dieses Bildes hängt im Kastell. Quelle: Wikipedia.

Am Freitag waschen wir blitzschnell zwei Maschinen Wäsche, weil es sonnig und schön ist. Abends gehen wir mit Herbert und Dagmar Pizza essen. Der Wirt ist Deutscher und Borussia-Fan. An den Wänden hängen vier bis fünf riesige Fernseher, auf denen natürlich Fußball läuft. Die ganze Kneipe sieht aus wie ein Fanshop, und das Publikum ist selbstredend überwiegend deutsch. Nach der Pizza gibt es noch eine Absacker in der Campingbar. Ein sehr netter Abend.

Fanshop in der Pizzeria. Der Chef fliegt übrigens zu allen Heimspielen nach Dortmund.

Schon seit Donnerstag habe ich Halskratzen. Trotz sofortiger Teekur mit Infektblockertee kann ich die Erkältung nicht mehr abwenden. Samstag bis Montag liege ich flach und bewege mich kaum vom Wohnmobil weg.

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Spanien, im Dezember 2022

Samstag, 11. Dezember

Das Auto ist fertig gepackt, das Haus geputzt, die Fensterläden geschlossen. Trotzdem ist es 12:00, bis wir loskommen. Aber diese Reise ist in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Noch nie wollten wir so lange wegfahren (3 Monate), noch nie hat sich die Abfahrt so lange verzögert (6 Wochen), weil noch nie so viele Dinge dazwischen kamen (Wechsel der Krankenkasse, Erkältungen, schließlich noch eine abgebrochene Zahnkrone).

Auf in den Campingurlaub: unser Auto vor der Abfahrt.

Aber: Jetzt sind wir endlich gestartet. Und noch eine Premiere: Bei Schneetreiben! Es ist 1 Grad, das Olivenöl im Wohnmobil ist ganz sulzig, und Campingstimmung kommt definitiv nicht auf. Das wird sicher noch einige Tage so bleiben, bis wir in wärmere Gefilde kommen.

Schneetreiben begleitet uns bis hinter Bern.

Schnee und Schneeregen begleiten uns bis Höhe Yverdon. Dann reißt plötzlich der Himmel auf, es ist trocken und klar.

Höhe Yverdon klart es auf und schneit nicht mehr.

Einen Stau wegen eines Unfalls am Genfer See überbrücken wir mit einer Kaffeepause und überlegen noch, ob wir von der Autobahn runterfahren sollen. Aber kurz darauf löst sich der Stau auf. In Aix-les-Bains finden wir den Stellplatz diesmal auf Anhieb, und auch das Einchecken an der Schranke geht einfacher, nachdem wir begriffen haben, welches der Eingang ist. Jedenfalls sind wir kurz vor 19 Uhr installiert. Gut, dass das Gulasch schon vorgekocht ist. Noch ein Gläschen Rotwein und ab in die Heia.

Gegen die Kälte aus der Fahrerkabine basteln wir einen sehr effektiven Fleece-Vorhang.

Sonntag, 12. Dezember

Um 9:20 sind wir auf der Strecke, für unsere Verhältnisse also frühmorgens. Es ist sehr kalt und windig. Und es wird immer kälter. Auf der Strecke entlang der Alpen erreichen wir mit -4 Grad unseren Minusrekord.

Eisige Morgenstimmung am Lac du Bourget.
Unser Kälterekord unterwegs: – 4 Grad.

Ab dann geht es langsam aufwärts mit den Temperaturen. Wir freuen uns über jedes Grad. Ohne Komplikationen cruisen wir durch Frankreich. Es ist Sonntag, keine LKWs auf der Strecke. Kurz vor unserem heutigen Ziel gibt es direkt an der spanischen Grenze doch nochmal einen kleinen Stau wegen eines Unfalls auf der Autobahn. Immerhin kommen wir so in den Genuss einer Stippvisite durch den Grenzort La Jonquera. 

Abends übernachten wir auf einem Campingplatz in L‘Escala, wo wir von einer Freundin herzlichst empfangen und bewirtet werden. Ihr Lebensgefährte gibt noch einige Abrisse zur Geschichte als Dreingabe. So erfahren wir, dass das historische Katalonien auch Roussillon umfasste und dass in Perpignan die Straßenschilder zweisprachig sind.

Wir werden lecker bekocht und bewirtet.

Montag, 13. Dezember

Unser Ziel heute: So weit zu fahren, wie wir kommen. Das sind dann wie gestern etwas über 600 km. Auf der Autobahn, die um Barcelona und Valencia herum führt, fahren mehr LKWs als PKWs. Es ist unglaublich dichter Verkehr, die LKWs überholen sich auch gerne gegenseitig, was zu Rückstaus bei den PKWs führt. Aber im Gegensatz zu deutschen Autobahnen geht es hier völlig entspannt und friedlich zu. Keine Lichthupen, kein Drängeln. Nicht einmal das Tempolimit von 120 km/h wird ausgereizt. 

Es wird immer schöner und wärmer.
Immer dabei: unser Wackel-Elvis.

Zwischendurch regnet es, aber vor allem wird es mit jedem Kilometer wärmer. Wir legen Schicht für Schicht unserer Kleidung ab und stellen fest dass wir wahrscheinlich falsch gepackt haben. Zu viele Wollmützen und zu wenige T-Shirts. Na ja, es gibt ja auch Geschäfte in Spanien. 

Kurz vor der Ankunft verfahren wir uns immer mal gerne. So auch heute. Mit drei Umwegen kommen wir bei Einbruch der Dämmerung (gegen 18 Uhr wohlgemerkt – hier ist ja länger hell) auf einem extrem idyllischen Campingplatz an. Er liegt in the middle of nowhere, außerhalb eines kleinen Dörfchens namens Sax. Rundherum nur Olivenplantagen, weites Land und etwas entfernt Hügelketten. Die Betreiber sind ein Englisch-französisches Ehepaar und haben den Campingplatz erst Anfang des Jahres übernommen. Charlaine führt mich herum, zeigt mir die Sanitäranlagen und einen Pfefferbaum und ist überhaupt ganz reizend. Wie schön der Platz angelegt ist, sehen wir am nächsten Tag genauer. Den werden wir uns merken.

Monument valley? Nein, Andalusien!
Schön angelegter Campingplatz mit netten Betreibern.

Dienstag, 13. Dezember

Wir sind in Andalusien. Es ist karg, die Berge und Hügel sehen aus wie spärlich bewachsene Lehmhaufen, gelegentlich mit ein bisschen Felsen. Wo das Land nicht bewirtschaftet wird, herrschen wüstenartige Zustände. In den Städten (wir fahren an Alicante und  Murcia vorbei) sieht man die typischen Bettenburgen, an den Rändern viel Gewerbe auf großen Flächen. Land ist hier ja ausreichend vorhanden. Es gibt riesige Orangen- und Olivenplantagen, die natürlich bewässert werden müssen. Daneben: Wüste. Und dazwischen: weites, karges Land, mit zum Teil bizarren Bergformationen.

Oliven- und Orangenplantagen wechseln sich ab.
Wüstenartige Landschaften.

Unterwegs erreichen wir unseren Temperaturrekord nach oben: 25 Grad!  Auf dem Weg zu unserem Ziel im Naturpark Cabo de Gata an der Küste wird das Land flacher. Wir sind in der Region Almería und sehen die ersten Ausläufer des berüchtigten „Mar Plastico“. Quadratkilometer voller mit Plastik abgedeckter Gewächshäuser, in denen Gemüse für halb Europa angebaut wird. Bewässert aus Brunnen, die das Grundwasser langsam zum Versiegen bringen.

Das Weiße sind Plastikfolien.

Die letzten Kilometer durch den Naturpark fahren wir durch leere, karge Landschaft. Die Dörfer sehen ein bisschen aus wie im Western, einmal rollt doch tatsächlich ein Strohballen vor uns über die Straße. Und tatsächlich ist ja auch ganz in der Nähe die einzige Wüste Europas (bei Tabernas), wo unter anderem Sergio Leone seine Filme gedreht hat.

Ein bisschen wie im Western.
Im Hintergrund das Dörfchen Las Negras.

Unser Campingplatz heute liegt etwas außerhalb des Dörfchens Las Negras und ist nur über ein etwas abenteuerliches Sträßchen mit tiefen Schlaglöchern erreichbar. Wir sind am Meer, an einer der schönsten Küsten Andalusiens. Bei blauem Himmel sieht das sicher toll aus. Heute jedoch ziehen schwarze Wolken aus den Bergen Richtung Meer. Es fängt an zu stürmen, und nachts wackelt unser Wohnmobil wie noch nie zuvor.

Mittwoch, 14. Dezember

Heute läuft nicht viel. Es regnet fast den ganzen Tag, und Claus muss sich von einem wüsten Hustenanfall erholen. Wir lesen, schreiben, schlafen. In einer Regenpause laufe ich ins Dorf, aber da ist auch nicht viel los. Immerhin entdecke ich einen Wanderweg, den ich mir für den nächsten Tag vornehme. 

„Genießen ist, das Schöne zu pflegen“

Donnerstag, 15. Dezember

das Dorf Las Negras ist im Sommer wahrscheinlich recht trubelig, aber um diese Jahreszeit haben praktisch alle Geschäfte und Restaurants geschlossen. Geöffnet hat nur „Komo Komo“, ein gut sortierter Lebensmittelladen, Drogerie, Bäcker, Metzger und Immobilienmakler in einem. Dafür wird überall für die nächste Saison gebaut und gewerkelt.

Hat alles! Sogar Immobilien. Komo Komo in Las Negras.

Der Wanderweg ist Teil des Küstenwegs und führt zur Bucht San Pedro, die nur zu Fuß oder vom Meer aus erreichbar ist. Schilder wiesen darauf hin, dass die verfallene Burg, die hier steht, ursprünglich zur Bekämpfung von Piraten errichtet wurde. Es ist völlig ruhig, nur wenige Wanderer sind unterwegs. Als plötzlich die Sonne rauskommt und das Meer zwischen den Hügeln in gleißendes Licht taucht, wird klar, warum der Naturpark Capo de Gata unter Naturfreunden so beliebt ist.

Piraten-Bucht mit Castello San Pedro.
Küste am Capo de Gata.

Freitag, 15. Dezember

Durch den Naturpark führen nicht nur diverse Wanderwege, sondern auch ein europäischer Fernradweg. Den fahre ich heute ein Stück nach Süden bis nach San José, einem etwas größeren Touristenörtchen. Der Weg führt zunächst durch ein weites Tal (eigentlich ein Krater, entstanden durch einen eingestürzten Vulkan) am ehemaligen Bergbau- und  Goldgräberort Rodalquilar vorbei. Die Landschaft ist karg, aber bizarr und berückend schön. Es geht bergauf und bergab, und immer wieder gibt es neue Ausblicke.

In San José gibt’s einen Kaffee als Stärkung, bevor es wieder zurück geht, erfreulicherweise mit Rückenwind.

Samstag, 17. Dezember

Bevor wir loskommen, müssen wir noch eine Knobelaufgabe lösen: Ein Greifarm an unserem Fahrradträger lässt sich nicht öffnen. Ohne Greifarm kein Fahrrad und keine Abfahrt. Wir versuchen es mit Überlegung, mit Ruckeln, mit Gewalt, aber der Riegel, der sich bewegen muss, tut das nicht. Wir überlegen schon, ob man das Fahrrad mit Tape am Ständer befestigen könnte. Aber irgendwann kommt die rettende Idee: Mit einem kleinen Stöckchen entriegeln wir das Teil und können die Räder montieren. 

Wir fahren zunächst die gleiche Strecke durch den Capo de Gata, auf der ich gestern mit dem Rad unterwegs war. Und sind wieder begeistert von dieser herben Landschaft. Danach geht es Richtung Almería, und von dort aus immer der Küste entlang bis Tarifa. Das „mar plastico“ zieht sich über rund 100 Kilometer, ungelogen. Im Flachland geht es optisch nahtlos ins Gleißen des Meeres über. Im Bergland kleben die Gewächshäuser an den Hängen. Dazwischen Oliven- und Orangenplantagen. Und direkt daneben wüstenartige Öde. Wie hier überhaupt etwas wachsen kann, ist ein Rätsel.

Vorne gleißt das Plastik, dahinter das Meer.
Gewächshäuser in den Bergen.

Gegen 17:30 sind wir auf unserem Campingplatz in Tarifa – noch im Hellen. Die Sonne geht hier momentan erst gegen 18:15 unter (allein das ist schon die Reise wert). Wir installieren uns, plaudern mit dem britischen Ehepaar nebenan und beginnen unseren Aufenthalt in der Campingbar. Wir sitzen auf der Terrasse, genießen den Sonnenuntergang, die Lichter von Tanger, die Tanker, die sich durch die Straße von Gibraltar schieben. Die ohrenbetäubende Brandung ergänzt die melancholische Flamencomusik aus der Bar. Wir sind angekommen!

„Unsere“ Campingbar El Chozo.

Weihnachtsdeko etwas anders.


Montag, 19 Dezember

(Claus) Und so etwas gibt es vielleicht nur beim Campen!

Wir wollten kurz einen Kaffee in der Bar direkt am Meer trinken und ein paar Weihnachtskarten schreiben.

Wir waren ganz alleine auf der Terrasse, als diese kleine, sehr zierliche, ältere Dame auftauchte und etwas ratlos wirkte. Sie sprach uns an und fragte, ob wir deutsch sprächen. Sie wollte sich nach den Preisen und der Qualität des Essens in der Bar erkundigen, besonders, da sie einen Aushang gesehen hatte, bei dem das Abendessen EUR 55.- kostete. Wir konnte sie beruhigen, in dem wir erklärten, dass es sich dabei um das Weihnachtsmenue (inkl. Getränken) handelte.

Da die Frau sehr nett scheint, frage ich sie ob sie nicht einen Kaffee mit uns trinken wolle.„Ja, aber ich habe meine Portemonnaie nicht dabei!“ Kein Problem, wir laden sie ein!

Sie nimmt Platz…und dann kamen wir nicht mehr aus dem Staunen heraus. Sie stünde auch auf dem Campingplatz, mit ihrem „Panzer“, sagte sie. Wie sich herausstellte, fährt sie ein DURO! Einfacher gesagt: einen kleinen Militärlaster! Dieser wird von der MOWAG in Kreuzlingen (!!!) gebaut und nicht an Private verkauft. Sie hat das Fahrzeug vor gut 20 Jahren auf einer Messe gesehen, konnte es aber nicht kaufen, da nur fürs Militär gedacht.
Ein halbes Jahr später rief man sie an und sagte ihr, dass sie Testfahrerin werden könne.. Man sicherte ihr komplette Unterstützung mit Teilen und bei Problemen zu. Also kaufte sie das Chassis von der damaligen Firma Bucher (die später von der MOWAG aufgekauft wurde) und ließ von einer anderen Firma eine Wohnkabine darauf setzen. Stand heute hat sie mit dem Fahrzeug 330.000 Kilometer zurückgelegt – und wenn sie mal ein größeres technisches Problem hatte, egal auf welchem Kontinent, flog ein Mechaniker mit den Ersatzteilen ein. 

Anzumerken ist nicht nur, dass sie auf fünf Kontinenten unterwegs war, sondern meistens alleine! Wir schätzen, dass sie ungefähr 80+ ist (sie ist seit 1962 im ADAC) und noch immer reist sie alleine um die Welt. Nein, Angst habe sie nicht: „wenn der Teufel mich holen will, wird er mich finden! Warum dann Zuhause warten?“ In der Branche (mittlerweile kann man gebrauchte DUROs aus Armeebeständen kaufen) ist sie bekannt als die „DURO Helga“. Sie besitzt original Reparatur-Handbücher, Messgeräte für den DURO, u.a. Während Corona, als Camper Marokko nicht mehr mit den Fahrzeugen verlassen durften, rief der ADAC bei ihr an, ob sie eine Idee hätte wie man die hunderten von Wohnmobilen wieder nach Hause bekommt!! 

Eine unglaubliche Begegnung. Sie hatte soooo viel zu erzählen von ihren Reisen und Erlebnissen, dass über zwei Stunden wie im Flug vergingen – und Jeannine natürlich keine Karte geschrieben hat.

Wir freuen uns, sie die Tage an ihrem Auto besuchen zu dürfen und werden dann sicher auch Fotos nachreichen können.

Ja, so ist Camping! Zumindest, kann es so sein! Ein absolutes Highlight.

Dienstag, 20. Dezember

Wir ziehen um. Der Platz, der uns zugewiesen wurde, hat uns von Anfamg an nicht gefallen. Zu viel Schatten, zu viele Bäume (im Sommer sicher ganz super), zu viel Lärm von der Straße. Wir fragen einfach mal – und siehe da, wir bekommen einen anderen Platz, diesmal oberhalb der Straße. Jetzt haben wir volle Sonne und unverstellten Blick aufs Meer. Die Sonnenuntergänge können wir jetzt direkt vom Wohnmobil aus sehen.

Unser neuer Platz mit Blick aufs Meer.
Im Hintergrund der Torre de la Peña.

Nachmittags besuchen wir unsere neue Freundin „Duro Helga“ und ihr Militär-Mobil. Helga selbst ist ca. 155 cm groß und damit nur unwesentlich größer als die Reifen ihres Gefährts. Aber sie kennt jedes Kabel persönlich und ist die 330000 km selbst und meistens allein gefahren.

Baujahr 2002, Länge etwas über 6 m, Breite nur ca. 2,10 m, Höhe 3,20m, Allrad, Verbrauch ca. 17l Diesel/100km
Duro-Helga erklärt uns ihr Wohnmobil.

Nach der Besichtigung des Helga-Mobils mache ich noch eine kleine Fahrradtour ins Hinterland. Der Weg entpuppt sich als ausgewachsene Mountainbike-Strecke, und ich versinke im Matsch. Es gibt sehr viele Tiere: Kühe mit beeindruckend spitzen Hörnern, schwarze Schweine, Ziegen, Schafe und Pferde. Ein Fohlen verweilt vor dem Auto vor mir, während sich seine Mutter vom Autofahrer durch das Fenster kraulen lässt. Das Fohlen sieht keinen Grund auszuweichen, weshalb die ganze Affaire gut 15 Minuten in Anspruch nimmt. Sehr ländlich!

Das Fohlen vor dem Auto ist nicht sichtbar.
Unsere Weihnachtsdekoration ist auch schon aufgebaut…

Mittwoch, 21. Dezember

Gar nicht so einfach, auf der Terrasse einen Kaffee zu trinken, ohne weggespült zu werden.
Hat sich außer mir auch keiner getraut;)

Wir müssen unser Gasproblem lösen. Unsere 11 kg-Gasflasche reicht zwar noch, aber wir können sie nicht gegen eine volle tauschen, weil es überall andere Flaschentypen gibt. Europäische Normen gibt es vielleicht bei Gurken, aber nicht bei Gasflaschen. Wir können auch nicht einfach in Spanien eine neue Flasche kaufen, weil man dafür eine Steuernummer benötigt (kein Witz). Der Campingplatz würde uns eine Flasche ausleihen, aber für den Anschluß an unseren Gasschlauch brauchen wir einen Adapter und etwas, das sich Regulator nennt. Wo wir das bekommen können, markiert uns der Campingplatzchef auf einem Stadtplan von Tarifa: in einer Ferreria, einer Eisenwarenhandlung.

Der Besuch dieses großen, dunklen Ladens, von oben bis unten vollgestopft mit Haushaltswaren, Werkzeug und Elektrozubehör, ist ein Erlebnis. Wo bitteschön gibt es bei uns denn noch Eisenwarenhändler? Hier wird auch noch bedient! Der Chef spricht dankenswerterweise drei Brocken englisch, und ich kann mein Anliegen erklären. Den Regulator hätte er da, aber ohne Adapter passt der nicht auf unseren Gasschlauch (den ich dabei habe). Geduldig erklärt er mir, wo ich einen Adapter bekommen könne und malt dazu ein kleines Plänchen. Weitere Alternativ-Läden in Algeciraz werden sorgfältig auf der Rückseite des Plänchens notiert. 

Der zweite Laden ist eine Art Reparaturwerstatt. Der Mitarbeiter spricht nur spanisch, die  Verständigung fast nicht möglich. Immerhin wird klar, dass ich um 16 Uhr wiederkommen soll. Nachmittags ist dann offensichtlich der Chef da und schraubt zu meiner Begeisterung einen Regulator direkt auf unseren Gasschlauch, Adapter also nicht nötig. Aber zu früh gefreut: Die Konstruktion ist zu hoch, um auf die Gasflasche zu passen. Ich soll doch bitte am nächsten Tag um 16 Uhr wiederkommen. Mal schauen…

(Claus) Während Jeannine also mehrfach mit dem Velo nach Tarifa fährt, kommt Helga kurz vorbei. Nach 5 Minutan fragte ich sie, ob sie nicht sitzen möchte? Nach einer Stunde frage ich, ob ich ihr etwas anbieten könne (allerdings hat Jeannine ja den Gasschlauch mit und so gibt es keinen Kaffee, sondern nur ein Glas Wasser). Nach ca. vier Stunden gebe ich ihr eine Fleece-Decke, da es mittlerweile recht frisch geworden war. Jeannine ist inzwischen auch wieder zurück von ihrem „Technik-Ausflug“. 

Mein Nachmittag besteht also aus einem langen Gespräch (80% Monolog) mit Helga. Er geht um Behördenwillkür, den Besitz von vier (!) Reisepässen (3 deutsche, mit Laufzeit 10, 7 und 7 Jahren und einem französischen, da sie auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt). Da sie ständig in der Welt unterwegs war, musste sie immer überlegen, welchen Pass sie einsetzt um an der entsprechenden Grenze keine Probleme zu bekommen. Sehr spannend! Hat etwas von James Bond!

Sehr ausführlich erzählt sie uns dann noch von ihrem letzten Fahrzeugservice, der mit über EUR 20.000.- abgerechnet, aber nie wirklich gemacht wurde und mit einem Gerichtsverfahren endete. In dem Moment sind wir sehr froh, „nur“ einen Peugeot zu haben und nur nach einem Gasadapter zu suchen. Sollte dies bei uns am Schluss funktionieren, möchte Helga übrigens auch einen haben.

Irgendwann fragen wir sie dann auch nach ihrem Alter: Sie wurde 1940 geboren, ist also heute 82 Jahre alt. Das Fahrzeug hat sie sich (ohne ihren Mann einzuweihen) mit 60 gekauft.

Donnerstag, 22.12.

Ich verbinde eine Radtour mit einem weiteren Besuch im Gasflaschenadapterladen. Die Tour führt zunächst entlang der N340. Danach kommt ein weißes Dorf namens Facinas, und ab da führt der Weg durch den Nationalpark Les Alocornales. Diesmal entdecke ich auch einige der gleichnamigen Korkeichen.

Weihnachtsdekoration in Facinas.
Korkeiche. Im unteren Bereich wurde der Stamm geschält.

Ich vermeide Naturstraßen, weil ich nicht wieder im Matsch versinken will. Aber auf diesen kleinen Sträßchen durch den Naturpark ist praktisch kein Verkehr, es ist eine Traumstrecke.

Ein Meer von Windrädern.

Pünktlich um 16 Uhr bin ich wieder im Laden. Der hat jedoch geschlossen. Ich trinke einen Kaffee und probiere es eine Stunde später wieder. Gleiches Resultat. Na ja. Wir haben ja Zeit…

Abends können wir erstmals bei Sonnenuntergang draußen essen. Es ist deutlich wärmer als die Tage davor und vor allem windstill. Ein Träumchen.

Freitag, 23.12.

Einen Wäschetrockner brauchen wir hier nicht!

Während sich Claus ums Wäscheaufhängen kümmert, versuche ich nochmal mein Glück im Laden. Vergeblich. Ich rufe die Nummer an, die dransteht, aber natürlich spricht der Ladenbesitzer nur spanisch. Ich glaube zu verstehen dass ich eine Stunde später nochmal kommen soll. Die Stunde verbringe ich in der Markthalle von Tarifa, wo es ein phantastisches Angebot von frischem Fisch, Fleisch und Gemüse gibt. Die Geräuschkulisse ist wie auf einem Basar, dabei ist die Markthalle eher klein. Danach wieder zum Laden, der natürlich wieder geschlossen hat. 

Die Markthalle vo Tarifa.

Samstag, 24. Dezember

(Claus) Heiligabend bei 20 Grad im Schatten ist schon speziell. Es ist so warm (im Auto tagsüber fast 25 Grad), dass wir uns entschließen, mit dem Fahrrad nach Tarifa zu fahren und das zu besorgen, was wir vergessen haben: Sommerkleidung! Wir haben viele dicke Jacken und Pullis dabei (die man abends auch gut brauchen kann), aber nicht eine kurze Hose! Wir werden in einem netten kleinen Laden fündig. Zweimal kurze Hosen und zweimal lässige Hemden bitte – und schon sind wir auch für die hier herrschenden Temperaturen ausgestattet! Ärgerlich nur, dass wir „davon“ daheim reichlich hätten! Die Ladenbesitzerinnen hat’s gefreut. Zurück am Campingplatz gönnen wir uns jeder ein Weihnachtsbier…

Und entdecken die neue Weihnachtsdekoration auf der Terrasse..

Anschließend gehen wir zum WoMo und Jeannine kocht Chili con Carne. Ein typisches Essen für Heiligabend 😅 Auf das Weihnachtsmenue haben wir verzichtet. Wir hatten keine Lust darauf, den ganzen Abend mit Fremden zusammensitzen zu müssen (wenn’s nur beim Bier ist, kann man aufstehen und gehen…) Natürlich sitzen wir bei unserem Festessen draußen und schauen aufs Meer. Sehr schön!

Nicht zu vergessen: Tagsüber haben wir noch mit Freunden und Familie Video-telefoniert. Alle saßen in dicken Pullis, teilweise erkältet, in ihren geheizten Wohnzimmern. Während wir mit dem Telefon in den Schatten gehen mussten….

Sonntag, 25. Dezember

(Claus) Heute müssen wir kurz alles im und ums Auto zusammenräumen, da (nach 7 Tagen) unser Frischwassertank leer und unser Brauchwassertank voll ist. 300 m Fahrt, auffüllen bzw. entleeren und wir können uns wieder auf unserem Platz installieren.
Heute dann sogar die Markise ausgefahren, da es direkt in der Sonne zu warm ist.

Foto gegen 15:00

Montag, 26.12.

Ich mache einen Fahrradausflug mit Ziel Cap Trafalgar (wo Lord Nelson eine Seeschlacht gegen die Franzosen gewonnen hat). Der Radweg ist Teil des europäischen Fernradwegenetzes. Um darauf zu stoßen, fahre ich zunächst wieder die N340 und biege dann auf eine kleine Landstraße Richtung Bolonia. Das letzte Stück bis zum Radweg ist eine Piste, die ich mit meinem Rad nicht fahren kann, also schiebe ich. Sollte ja kein Problem sein, weil bald der Fahrradweg kommen soll. Der jedoch ist ebenfalls eine Piste. Geröll und Sand. Für geübte Mountainbiker vielleicht kein Problem, für mich schon. Ich schiebe also weiter und bin sicher eine Stunde zu Fuß unterwegs. Das wäre eigentlich eine wunderbare Wanderstrecke, aber mit dem schweren E-Bike kein großes Vergnügen. Bis ich endlich in Bolonia auf befestigten Wegen gelandet bin, ist klar, dass ich das Ziel keinesfalls schaffen werde. Egal, ich fahre um den Ort herum in die Hügel und bestaune einen grandiosen Blick auf die Wanderdüne, die von oben wie eine Mondlandschaft aussieht, und auf bizarre Felsformationen. Der Radwanderweg zweigt wieder ab und führt in ein Naturschutzgebiet – ich fahre dankend weiter, weil ich heute nicht mehr schieben mag.
Fazit: Vielleicht sollte ich mir mal eine Karte besorgen!

Blick auf die Wanderdüne und Bolonia, hinten im Dunst Tarifa.
Fast wie in den Dolomiten,

Abends genehmigen wir uns Tapas in der Campingbar und genießen einen grandiosen Sonnenuntergang und die Wellen, die bis auf die Terrasse spritzen.

Fünf Meter von uns entfernt klatschen die Wellen auf die Terrasse.
Der Mond scheint auch schon,

Dienstag, 27. Dezember

Es stürmt. Wir frühstücken trotzdem wieder draußen und halten das Tischtuch fest. Danach trinken wir an der Campingbar Bar einen Kaffee. Wir schauen uns das Silvester-Menu-Angebot an, sind aber noch nicht sicher, ob wir reservieren sollen.

Hinten unser Stellplatz, wenn man vom Strand kommt

Ich beschließe,, einen Strandspaziergang nach Tarifa zu machen. Der Hinweg ist super. Die Kitesurfer tanzen übers Meer, die Sonne glitzert auf dem Wasser, der Wind treibt den Sand vor sich her und pudert alle unbedeckten Körperteile.

Bei starkem Ostwind ist die kleine Bucht vor der Insel von Tarifa Treffpunkt für die Kite-Profis
Kite-Surfer auf dem Wasser – und in der Luft.

Leider habe ich mein Timing nicht ganz genau durchdacht. Parallel zum Strand gibt es eine große Lagune, die an einer Stelle wie ein Bach ins Meer fließt. Dort muss man durchwaten. Bei Flut fließt das Wasser landeinwärts und macht den Übergang tiefer und schwieriger (das hatte ich letztes Jahr schon mal, ist unangenehm). Weil die Flut beim Rückweg fast ihren Höchststand erreicht hat, traue ich mich nicht, den Weg am Strand zu nehmen. Was bleibt, ist die schon bekannte N340. Erst nach etwa 5 km kann man von dort wieder Richtung Meer abbiegen (davor ist wieder Lagune). Na ja. Nach insgesamt 19 km komme ich etwas fertig am Wohnmobil an, stolz, dass ich es geschafft habe. Gegen die Knieschmerzen gibt’s ja Voltaren.

Mittwoch, 28.12.

Kurzer Zwischenstand zum Thema Gasadapter: Inzwischen bemühen wir täglich die netten Mitarbeiter vom Campingplatz, die für uns beim Wekstatt-Laden anrufen. Während in den letzten Tagen jeweils die Nachricht kam, dass das Teil noch nicht eingetroffen sei, heute die Botschaft, es sei da, aber das falsche. Man habe es wieder zurückgeschickt. Wir sollten doch morgen nochmal anrufen. Vielleicht ist das Ganze ja eine verkappte ZEN-Übung.

Trotzdem müssen wir mal wieder einkaufen. DURO-Helga hat uns schon vor einigen Tagen gebeten, ihr ein spezielles Brot vom Lidl mitzubringen und uns präzise Anweisungen dazu gegeben. Eigentlich meiden wir deutsche  Supermärkte im Ausland, weil wir ja möglichst authentisch einkaufen wollen. Aber Helga zuliebe fahren wir also zu Lidl. Wir sind nicht allein, der Parkplatz ist voller Wohnmobile. Aber was soll’s, Lidl hat nicht nur besagtes Brot, was eine dunkle Wohltat zu den üblichen spanischen Baguettes ist. Er ist auch sehr gut sortiert und hat besseres Obst und Gemüse als die spanische Variante. Man lernt nie aus.

Nachmittags nur ein ganz kleiner Strandspaziergang und abends ein Schwätzchen mit Helga, die sich über das Brot freut.

Auch im Dezember blüht hier schon vieles.

Freitag, 30.12.

Es ist nicht zu fassen: ENDLICH haben wir den Gasflaschenadapter bekommen! Nachdem die nette Mitarbeiterin vom Campingplatz heute noch dreimal (!) mit Alvarez vom Werkstatt-Laden telefoniert hat, fahre ich frohgemut nach Tarifa gefahren, nur um schon wieder vor verschlossener Tür zu stehen. Aus lauter Verzweiflung rufe ich selbst bei ihm an und verstehe irgendwie, dass die Lieferung des Päckchens 15 Minuten später erfolgen solle. Und da steht dann tatsächlich das Päckchen auf der Ladentheke. Alvarez ist sichtlich erleichtert, dass er diesen Riesenumsatz (17 EUR) endlich abschließen kann. In der Gebrauchsanweisung steht übrigens, dass man das Teil nicht für Wohnmobile einsetzen darf, aber diesen Hinweis werden wir definitiv ignorieren. Jetzt brauchen wir nur noch eine spanische Gasflasche. Die sollen wir am Dienstag bekommen. Schauen wir mal, welcher Dienstag das sein wird…. 

Das ist er – unser Gas-Regulator mit Adapter! Sieht ganz harmlos aus.

Samstag, 31.12.

Der sogenannte Buddha-Trail ist die perfekte Silvesterwanderung. Das finden andere auch, wie ich beim Weg zum kleinen Buddha feststelle, der oberhalb des Torre de la Peña in einer Felsnische auf seine Besucher wartet. Der steile Aufstieg wird mit spektakulären Ausblicken in beide Richtungen entlang der Küste belohnt. Völlig egal, dass ich die gleiche Tour letztes Jahr schon einmal gegangen bin, die Aussicht ist überwältigend. Als kleine Achtsamkeitsübung baue ich mein erstes Steinmännchen, was übrigens viel einfacher geht, als ich dachte. Oben auf dem Kamm stehen Windräder in Reih und Glied.

Auf der anderen Seite des Kamms geht es genauso steil wieder durch Macchia und Pinienwälder und mit Blick auf die Bucht von Tarifa nach unten. Bei einem meiner diversen Umwege heute laufe ich an einem halbvertrockneten Pferdekadaver vorbei, der mich ein bisschen erschüttert. Aber nach soviel Buddha und Achtsamkeit heute beschließe ich, dass diese Begegnung kein schlechtes Omen ist.

Unser abendliches Silvesterprogramm besteht in einer ausgedehnten Plauderei mit unseren neuen Platznachbarn aus Köln*. Danach und nach dem Essen sind wir beide so müde, dass wir uns nur mal ganz kurz aufs Bett legen. Kurz vor Mitternacht wachen wir auf, essen die 12 spanischen Glückstrauben, stoßen miteinander an – und liegen um 0:30 schon wieder im Bett. 

*(Claus) Die Kölner Nachbarn fahren zufällig auch einen schwarzen Peugeot Boxer. Eine Nummer kleiner als unserer und selbstausgebaut.

Ich wundere mich noch, dass ich keine Räder sehe, als sie einparken – später aber sehr schicke Rennräder neben dem Auto stehen. Dies klärt sich, als sie uns erzählen, dass sie passionierte Triathlen sind und ihr Auto „um“ die Räder gebaut haben. Diese sehr teuren Räder sind somit immer im Auto, und wenn sie irgendwo schlafen, können sie diese quer vor sich stellen. 

Spanische Glückstrauben, fertig abgepackt. Um 0:00 Uhr wird pro Glockenschlag eine Traube verspeist

2023 beginnt!!

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Frankreich/Mulhouse September 2022

Donnerstag, 22.9.

Wir nehmen ein Treffen meines Rotary-Clubs in Mulhouse zum Anlass für ein verlängertes Wochenende im Elsass. Am Donnerstag fahren wir über Freiburg zunächst nach Neuf-Brisach, direkt hinter der Grenze. „Neubreisach“ wurde Ende des 17. Jahrhunderts für Ludwig XIV. von Festungsbauer Prestre de Vauban auf dem Reißbrett entworfen. Die Stadt hat einen 8eckigen Grundriss mit doppelter Festungsmauer, die in 8 Wehrtürmen endet. Die Straßen sind schachbrettförmig angelegt und führen alle auf den großen Exerzier- und Marktplatz in der Mitte. Der ist wirklich riesig angesichts der Größe des Dorfs mit seinen 2000 Einwohnern. Immerhin gibt es dort ausreichend Parkplätze, auch für unser Wohnmobil.

Historischer Plan der barocken Festung Neuf-Brisach mit ihrem achteckigen Grundriss (Quelle: Wikipedia)
Die Festungsanlangen sind heute ein riesiger Park um das Städtchen herum.

Wir wollten uns nicht nur das Städtchen anschauen, sondern vor allem eine Street Art Gallery, die in einem Teil der Kasematten in der Festungsanlage untergebracht ist: MAUSA Vauban. Den Tipp hatten wir übrigens von einer Reisesendung im Fernsehen, und dieser Besuch war schon die ganze Reise wert! Seit der Eröffnung 2018 wurden und werden Street-Art-Künstler aus der ganzen Welt eingeladen, um jeweils einen Bereich des 1200 qm großen Gewölbekellers zu gestalten. Echt beeindruckend.

Marcos Rodrigo („Wark da Rocinha“) ist der erste Graffiti-Künstler der riesigen Favela Rocinha in Rio de Janeiro.
Die beeindruckendste Installation überhaupt ist vom Pariser Künstler Julien Malland, alias Seth.
Markenzeichen des Brasilianers Fabio de Oliveira Parnaiba alias „Cranio“ (Schädel) sind blaue indigene Figuren.
„Jaune“ aus Brüssel arbeitet mit Schablonen von Bauarbeitern, die er in humorvollen Szenen arrangiert.
PEZ aus Barcelona bringt mit seinen lachenden Figuren Fröhlichkeit in den urbanen Alltag.

Nach dem Besuch fahren wir – nach einem Abstecher in einen französischen Supermarkt! – weiter nach Mulhouse, wo wir uns auf dem sehr netten Campingplatz installieren.

Freitag, 23.9.

Bis wir ausgeschlafen, gefrühstückt und ein bisschen herumgekruschtelt haben, ist es früher Nachmittag. Wir spazieren entlang eines Kanals in die Stadt und bewundern auf dem Weg wiederum ziemlich gute Street Art, die auf die Rückseite von alten Industriegebäuden gesprüht wurde. Die Altstadt von Mulhouse ist nicht sonderlich groß und schnell erkundet. Am nächsten Tag werden wir erfahren, dass die Stadt auch weniger bekannt ist für ihren mittelalterlichen Kern als vielmehr für die lange industrielle Tradition, die bis ins 18. Jahrhundert reicht. Nicht umsonst wurde Mulhouse als das „französische Manchester“ bezeichnet.

Zurück auf dem Campingplatz erwarten uns schon meine rotarischen Freunde Martin und Ruth, die mit ihrem Wohnwagen direkt aus Spanien hergefahren waren. Wir verabreden uns zum Apéro, der nahtlos ins Abendessen übergeht. Am Ende geht unser gemütliches Campertreffen bis nach Mitternacht. In echter Campingtradition harren wir dabei die ganze Zeit mit Decken und Fellen im Freien aus.

 Samstag, 24.9.

Am Samstag Mittag beginnt das eigentliche Programm. Anlass ist ein sogenanntes Partnerclub-Treffen der befreundeten Rotary-Clubs aus Kreuzlingen, Augsburg und Mulhouse. Die Mulhouser haben anlässlich des 90jährigen Bestehens ihres Clubs ein besonderes Programm auf die Beine gestellt. Hier einige Auszüge:

Die Mulhouser empfangen uns in einem hippen Restaurant in einer ehemaligen Maschinenfabrik, dem Nomad Café. Das Café ist in einem alten Industriequartier von Mulhouse angesiedelt, genannt „La Fonderie“ (Giesserei). Was es damit auf sich hat, erklärt uns in der anschliessenden Führung Pierre Fluck, Professor für Technikgeschichte und Industrie-Archäologie an der Uni Haut-Alsace. Mulhouse blickt auf eine lange industrielle Vergangenheit zurück. Bereits im 18. Jahrhundert wurden textilverarbeitende Manufakturen gegründet – zunächst in der mittelalterlichen Altstadt. Später wurden größere Fabriken rund um die Altstadt angesiedelt, und in den 1820er-Jahren ein ganz neues Industrieviertel gegründet, die Fonderie. Hinter dieser Entwicklung stand die Industriellenfamilie Köchlin, die im 18. Jahrhundert aus der Schweiz (genauer, aus Stein am Rhein) eingewandert war. André Koechlin gründete eine Maschinenfabrik, die Eisenbahnen ebenso herstellte wie Industrie- und Dampfmaschinen sowie Waffen und Munition. Diese Gründung ist übrigens Vorläuferin der heutigen ALSTOM.

André Koechlin baute die erste französische Dampflokomotive, „Napoleon“, die er 1837 auf einer Teststrecke von Mulhouse nach Thann einsetzte. Start dieser Teststrecke war „Kilometer 0“ in der Fonderie. Die Teststrecke war Vorläuferin der ersten Eisenbahnlinie von Basel nach Strasbourg.

Die Fonderie besteht aus einer Ansammlung zum Teil riesiger Fabrikgebäude in Backsteinarchitektur. Das grösste dieser Gebäude wurde als „Kathedrale“ bekannt – eine „Kathedrale der Arbeit“, wie sich Professor Fluck ausdrückt. Heute ist hier ein Campus der Universität Haute-Alsace für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Jura untergebracht. In anderen ehemaligen Industriegebäuden sind eine Kunstakademie sowie ein Kunstmuseum etabliert.

La Fonderie: Neue Nutzung für alte Industriegebäude.

Während Pierre Fluck über die Industriearchitektur der Fonderie und ihre geschichtlichen Hintergründe referiert, bekommen wir von Rotarier und Drohnenspezialist Gabriel Martin einen Einblick in das „KM0“ genannte Gebäude. Es bietet Platz für diverse digitale Start-ups und beherbergt eine Akademie, in der Interessierte ohne Zugangsvoraussetzung zu Programmieren ausgebildet werden. Die Akademie ist auf der Suche nach „Genies“, die möglicherweise den herkömmlichen Bildungsweg nicht absolvieren konnten oder wollten. Ausgebildet und gefördert wird, wer will und kann. Ein weiterer Referent ist Morgan Zeller, dessen Unternehmen „Première Place“ im KM0 beherbergt ist und sich auf Suchmaschinen-Optimierung spezialisiert hat.

In der digitalen Ideenschmiede KM0 sind noch die alten Deckenförderanlagen zu sehen.

Sonntag, 25.9. 

Der Sonntag beginnt mit dem Besuch des 1.-Weltkrieg-Denkmals „Hartmannswillerkopf“, einem knapp 1000 m hohen Berg, von dem aus man einen Panoramablick auf das Rheintal hat. Wegen der guten Sicht war er im 1. Weltkrieg von strategischer Bedeutung und vor allem im Kriegsjahr 1915 heftig umkämpft. Die Franzosen beschossen das Schlachtfeld beim Hartmannswillerkopf von den Vogesen-Tälern aus, die Deutschen aus der Rheinebene. Die Truppen verschanzten sich in Schützengräben, die nur wenige Meter auseinander lagen. Unter unvorstellbaren Bedingungen (Kälte, Nässe, Ungeziefer, Schmutz, ständiger Gefechtslärm) mussten die Soldaten kämpfen und zahlten einen immensen Blutzoll. 30.000 Soldaten fielen am Hartmannswillerkopf, der bis Kriegsende umkämpft war. Tragischerweise gab es keinerlei Geländegewinne, das Sterben war völlig umsonst. Die Frontlinie zog sich über 90 km die ganze Vogesenkette entlang bis Strasbourg. Heute noch sind am Hartmannswillerkopf die Schützen- und die Versorgungsgräben sowie die Granatlöcher zu sehen. Und heute noch wird regelmäßig Munition aus der Erde geborgen.

Ehemaliger Versorgungsgraben – früher tiefer. Hier wurden Munition und Verpflegung auf Pferden transportiert.

Nach Kriegsende wurden Tausende Gefallene exhumiert und bestattet, wobei der Namen der Toten häufig nicht ermittelt werden konnte. Anfang der 20er Jahre errichteten die Franzosen ein Nationaldenkmal, das nach einer Renovierung zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns zu einem deutsch-französischen „Memorial“ umgewandelt und von beiden Staatspräsidenten eröffnet wurde: ein Zeichen für die deutsch-französische Versöhnung.

Soldatenfriedhof der Franzosen auf dem Hartmannswillerkopf.
Symbolischer Waffenschild mit 625 cm Durchmesser im Zentrum des Memorials.

Nach der Besichtigung des Memorials und des angeschlossenen Museums sind wir alle ziemlich still und betroffen. Der anschließende Besuch in einem Elsässisch-zünftigen Berggasthaus hellt die Stimmung allerdings wieder auf.

Es ist schon später Nachmittag, als wir wieder auf dem Campingplatz sind. Wir verabschieden uns von Martin und Ruth, die noch einige Tage bleiben wollen, und machen uns auf den Heimweg, diesmal über Basel.

Schweiz/Frankreich Juni 2022

Vorbemerkung (Claus):

Dieser Reisebericht durch die Schweiz besteht eigentlich aus zwei Teilen,
dem von Jeannine über ihre Wanderung und einem von Claus mit dem Begleitfahrzeug. Die Idee dieser Tour ist ja, dass Jeannine den nächsten Teil des Jakobswegs läuft und ich sie im WoMo begleite. Geplant ist nun die Strecke quer durch die Schweiz bis Genf. Bis Einsiedeln sind wir bereits beim letzten Mal gekommen, also starten wir nun dort.

Dies ist der Plan (Tagesziele):

  1. Einsiedeln – Brunnen
  2. Brunnen – Buochs
  3. Buochs- Flüeli-Ranftk
  4. Flüeli-Ranft – Brienzwiler
  5. Brienzwiler – Interlaken
  6. Interlaken – Zwieselberg
  7. Zwieselberg – Rüeggisberg
  8. Rüeggisberg – Fribourg
  9. Fribourg – Romont
  10. Romont – Moudon
  11. Moudon-Lausanne
  12. Lausanne-Allaman
  13. Allaman- Celigny 
  14. Celigny – Genf

Das Ganze mit rund 10 Tagen Verspätung, weil ich noch “dringend“ ein neues eBike für die Ferien brauchte! Wegen des Feier- und Brückentags waren die Geschäfte allerdings geschlossen, sodass ich erst 4 Tage später die Probefahrten machen konnte. Nach der Entscheidung für ein Velo sollte ich abends (nachdem die Monteure alles auf mich eingestellt hatten) noch eine 2. Probefahrt machen. Ging eigentlich gut, bis mir auf dieser kurzen Strecke ein Autofahrer die Vorfahrt nahm und ich mit dem Velo umkippte. Die nächsten 4 Tage pflegte ich dann meine Hüfte und das Knie – und wir mussten unsere Abreise wieder verschieben.

Nun sind wir allerdings tatsächlich unterwegs.
Abfahrt:

Dienstag, 7.6.

Jeannine:

Heute müssen wir nur bis Einsiedeln fahren, wo ich morgen früh loslaufen will. Da wir es ja nicht eilig haben, starten wir erst um 16 Uhr und kommen prompt in den Feierabendverkehr in Zürich. Aber egal. Um 18:30 sind wir da,  parken auf dem Stellplatz am Friedhof, laufen noch eine Runde zur Klosterkirche und liegen im Bett, bevor es noch richtig dunkel ist.

Klosterkirche Einsiedeln im Abendlicht.

Mittwoch, 8.6.

Um 8:15 bin ich auf der Piste. Es ist ein strahlend schöner Morgen. Schon noch recht frisch, aber keine Wolke am Himmel und warm in der Sonne. Der Weg führt um Einsiedeln herum und dann ca. 2 Stunden das Alpthal entlang bis zum gleichnamigen Ort. Von dort aus geht es die nächsten beiden Stunden sehr steil bergauf bis zu einem Sattel namens Hagenegg, der neben den beiden Mythen liegt, zwei sehr markanten Bergen.

Kleiner Mythen und Großer Mythen im Kanton Schwyz.

Von Hagenegg aus hat man zunächst einen absolut phantastischen Blick auf den Vierwaldstätter- und den kleinen Lauerzersee, bevor es mindestens genauso steil bergab geht Richtung Schwyz. Leider haben sich in der Zwischenzeit diverse Wolken versammelt und trüben die Aussicht ein bisschen. Aber es bleibt absolut imposant.

Blick vom Hagenegg auf den Vierwaldstättersee.
Links der Vierwaldstätter-, rechts der Lauerzersee.

In Schwyz bin ich nach 21 km und 520 Höhenmetern rauf und über 900 Höhenmetern runter ziemlich geschafft. Die letzten 6 km bis Brunnen schummle ich und nehme den Bus. Hat Hape Kerkeling übrigens auch manchmal gemacht. Um 15:30 bin ich in Brunnen bei Claus auf dem Campingplatz, um 16 Uhr beginnt es zu schütten. Perfektes Timing also. Insgesamt war das ein gelungener Jakobsweg-Start, wobei ich noch ziemlich mit mir selbst und den diversen Wehwehchen (linker Fuß, rechtes Knie, Hüfte,…) beschäftigt war. Egal, man muss sich einfach erstmal einwandern und den eigenen Rhythmus finden. 

Claus: Nachdem Jeannine gestartet ist, frühstücke ich noch gemütlich und mache im Auto alles parat. Der Stellplatz (beim Friedhof Einsiedeln, CHF 25.- pro 24h) war nachts sehr ruhig, wandelte sich dann allerdings am Mittwoch Vormittag zu einem Rastplatz für Handwerker, Hunde-Spaziergänger u.a. Also möglichst schnell weg. Gegen 10.30 bin ich dann aufgebrochen.

Da ich ja nicht lange für die reine Fahrt zum nächsten Treffpunkt brauche, bin ich schon gegen 11.00 dort, in dem Ort Brunnen. Was Jeannine in rund 8 Stunden läuft, fahre ich ja in ca. 30 Minuten.
In Brunnen sind wir auf einem kleinen Campingplatz mit Seeanstoss. 90% aller Gäste (die allerdings nicht da sind) sind Dauercamper mit Wohnwagen. So bin ich quasi mit den Betreibern des Platzes, Jean-Paul und Doris, alleine. Die Abwechslung bieten “Kollegen“ und Bekannte, die gerne auf einen Apero um 11.00 oder auf einen zweiten um 15.00 vorbeikommen. So lerne ich unter anderem einen Polizisten, einen Immobilien-Mogul, einen Ferrari-Fahrer kennen.
Ein sehr abwechslungsreicher Nachmittag und Abend, bei dem quasi kein Thema ausgelassen wird (Sprit-Preise, Asylanten, Ukraine, Ferienwohnungen, Baubewilligungen, Elektro-Autos, usw., usw.). Sehr spannend und z.T. extrem lustig.
Von Jean-Paul und Doris werde ich fast adoptiert, was bedeutet, dass sie mir am nächsten Morgen Kaffee spendieren und sagen, dass ich natürlich vom Platz fahren kann, wann ich möchte (normalerweise bis 11.00) und mir das Tor offen lassen. Die Übernachtung kostet übrigens CHF 48.-

Seeblick vom Campingplatz aus.
Später am Abend.
Auf dem WC entscheidet der Anwender selbst.

Donnerstag, 9. Juni 2022

Jeannine: Es schüttet die ganze Nacht, und es schüttet morgens, als der Wecker klingelt. Heute führt der Jakobsweg als erstes über den See. Mit dem Kursschiff fahre ich von Brunnen nach Treib genau gegenüber. Das ist schonmal ein sehr schöner Start, zumal auf dem Schiff auch schon Kaffee serviert wird.

Lecker Käffchen auf dem Schiff vin Beunnen nach Treib.

 Das Wetter hat sich beruhigt, und ich laufe in der Sonne dem See entlang nach Westen und in die Höhe. Was ist das doch für eine schöne Gegend! 

Blick zurück auf Brunnen und die beiden Mythen.
…und in die andere Richtung nach Beckenried (links) und Gersau (rechtes Seeufer).

Im Laufe des Tages ist nochmal starker Regen angesagt, und ich bin ein bisschen beunruhigt wegen der heutigen Tour, die durch den Wald führt und „Trittsicherheit“ erfordert. Ich habe großes Glück, weil der Regen erst einsetzt, als ich den kritischen Bereich hinter mir gelassen habe. Trotzdem sind die Wege (und die Wurzeln auf den Wegen) nach dem vielen Regen völlig aufgeweicht und entsprechend glitschig. Außerdem ist das wieder so eine Strecke, die eigentlich nicht für Angsthasen wie mich geeignet ist. Rauf geht ja noch, aber runter laufe ich wie auf Eiern.

Wegen des Regens sind die Wasserfälle sehr imposant.

Ich bin so erleichtert, als ich wieder unten bin, dass ich mich sogar über die geteerte Straße freue, auf der ich die nächsten Kilometer nach und durch Beckenried laufe. Inzwischen hat schlagartig heftiger Wind eingesetzt, gefolgt von ebensolchem Regen. Ich teste meine Pelerine, die wunderbar funktioniert, zumindest oben rum. Die Hosen werden leider trotzdem nass, aber die trockne ich in einem Café in Beckenried, in dem ich mir ohne jedes schlechte Gewissen ein Törtchen genehmige.

Von Beckenried sind es nochmal etwa 1 1/2 Stunden nach Buochs, wo mich Claus auf dem Campingplatz erwartet. Kaum habe ich die Tür des Wohnmobils hinter mir zugezogen, geht auch schon wieder der nächste Guss runter. Punktlandung.

Claus: Ich schlafe bis nach 10 Uhr und frühstücke “bei und mit“ Jean-Paul und Doris. Ein erster Stammgast sitzt bereits beim Prosecco. Wir verabschieden uns herzlich, und ich fahre zur Fähre nach Gersau, um unseren nächsten Campingplatz anzufahren, an dem Jeannine mich nachmittags wieder treffen wird.
Die Fähre ist leer (unser WoMo und ein VW-Bus). Ich überlege kurz, ob ich wirklich übersetzen soll, da sich ein heftiger Wind aufbaut und sich erste Schaumkrönchen bilden. Es bleibt dann aber doch recht ruhig auf der Überfahrt. Nach wenigen Kilometern an Land bin ich beim ausgesuchten (und reservierten) Campingplatz. Ab ca. 12.00 habe ich jetzt Zeit, auf Jeannine zu warten.

Unruhige Überfahrt von Gersau nach Beckenried mit der Fähre.


Freitag, 10. Juni

Jeannine: Bei der heutigen Etappe stimmt alles: die Strecke, das Wetter und vor allem die traumhafte Landschaft. Ich bin schon um 7:45 unterwegs und laufe zunächst weg vom Vierwaldstätter See nach Stans, der Hauptstadt des kleinen Kantons Nidwalden. Auf dem Platz vor der Kirche gönne ich mir einen Kaffee und ein Gipfeli und beobachte zwei Frauen, die den gleichen Jakobsweg-Führer bei sich haben wie ich. Den beiden – Priska und Susanne aus Luzern – werde ich im Laufe des Tages noch mehrfach begegnen.

Von Stans aus geht es über Hügel entlang des Stanser Horns nach Süden. Es wird idyllischer, je weiter man sich vom dicht besiedelten Vierwaldstätter See entfernt. Entlang des Jakobswegs gibt es immer wieder reizende Versorgungsstationen wie die vom Hof Murmatt, in der sehr leckerer Birnenmost gezapft werden kann. 

Der Birnenmost bekommt 10 Punkte!
“Fuhrpark“ bei einem Bauernhof. Früh übt sich…
Kein Kommentar (und keine Erklärung)

Es ist ja der erste schöne Tag nach einer Regenperiode. Das bedeutet, dass alle Bauern ihre Wiesen mähen, wirklich alle Bauern. So viele unterschiedliche Mähfahrzeuge habe ich noch nie gesehen. Ein Bauer will wissen, wohin ich wandere und gibt mir den guten Rat, immer wieder auch nach hinten zu blicken. Und tatsächlich: Kurz vor meinem Ziel in Flüeli-Ranft sehe ich zum letzten Mal einen Zipfel des Vierwaldstätter Sees.

Letzter Blick auf den Vierwaldstätter See.
Sag ich doch: Der Weg ist das Ziel.

Die Etappe heute heißt auch „Bruder-Klaus-Weg“. In vielen Tafeln entlang des Weges wird das Leben und Wirken des Mystikers und Schweizer Nationalheiligen erklärt. Klaus von Flüele war ein wohlhabender Bauer im 15. Jahrhundert. Er war außerdem Ratsherr des Kantons und Richter in seiner Gemeinde Flüeli. Mit seiner Frau Dorothea hatte er zehn Kinder. Im Alter von 48 Jahren legte Niklaus alle seine Ämter nieder, entschied sich – mit Einwilligung seiner Frau – fortan als Einsiedler zu leben und nannte sich Bruder Klaus. Nach einer kurzen Pilgerfahrt ließ er sich nur 300 m entfernt vom Wohnhaus seiner Familie in einer Schlucht nieder (im sogenannten Ranft) und lebte dort die nächsten 20 Jahre betend und fastend. Angeblich soll er nur noch die Hostien der Heiligen Kommunion und Wasser zu sich genommen haben. Na ja. Er beschäftigte sich intensiv mit dem Leiden Christi und wurde von Visionen heimgesucht.

Bruder Klaus wurde als Seelsorger und – heute würde man sagen – politischer Berater bekannt, dessen Rat auch von ausländischen Staatsoberhäuptern gesucht wurde. Er vermittelte in der sogenannten Stanser Vorkomnis 1481, einem zunächst unlösbar scheinenden Konflikt zwischen  den „Stadtorten“ Luzern, Zürich, Bern und den dem „Landrecht“ verbundenen Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus und Zug. Eine geheime Botschaft des Bruder Klaus konnte bewirken, dass der Konflikt beigelegt, die drohende Spaltung der Eidgenosenschaft abgewendet und die Kantone Fribourg und Solothurn aufgenommen wurden.

Schon zu seinem Lebzeiten pilgerten die Menschen zu dem berühmten Einsiedler, aber auch nach seinem Tod riss der Besucherstrom nicht ab. Direkt neben die Klause des Mystikers war eine Kapelle gebaut worden, die aber bald zu klein war für die vielen Pilger. 1501 wurde eine neue, größere Kapelle etwas weiter unten im Ranft errichtet, in der ein Freskenzyklus vom Leben und Wirken des Bruder Klaus erzählt. 1947 wurde er übrigens heiliggesprochen.

Die Einsiedler-Klause von Bruder Klaus.
Die neuere Kapelle von 1501 mit Fresken zum Leben des Heiligen.

Der Jakobsweg führt zur Klause und den beiden Kapellen im Ranft hinunter und von dort über Treppen zu dem reizenden Dorf Flüeli hinauf, wo noch das Geburts- und das Wohnhaus von Niklaus stehen. Dominiert wird das Dorf allerdings von einem sehr viel profaneren Gebäude, vom Jugendstilhotel „Paxmontana“.

Jugendstilhotel Paxmontana in Flüeli-Ranft.

Das war mit rund 25 km heute die längste Etappe. Ich bin geschafft, aber sehr zufrieden. Von Flüeli-Ranft aus nehme ich den Bus nach Sarnen, wo Claus auf dem Campingplatz am  auf mich wartet.

Claus: Endlich schönes Wetter! Bin froh, den Campingplatz in Buochs gegen 10.00 zu verlassen, der wie ein Auto-Abstellplatz wirkt. Da er wohl relativ neu ist, gibt es keine grossen Bäume und nur ein paar niedrige Hecken. Eigentlich steht man auf einem Wiesen-Parkplatz (für CHF 39.- ), auf dem es ausser einem sehr aufwendigen “Empfangsgebäude“, diversen Schranken und Zufahrtsmöglichkeiten nichts Schönes gibt. Immerhin kann ich noch Frischwasser tanken und Grauwasser ablassen.
Dann geht es auf die Reise zum nächsten Campingplatz nach Sarnen. Heutige Fahrstrecke: 25 Kilometer. Dieser Platz (direkt am Sarner See) hat wesentlich mehr Charme – aber leider naht das Wochenende, und es besteht keine Möglichkeit, den Aufenthalt zu verlängern (ich frage direkt beim Einchecken danach). Hier hätte man auch mal 2-3 Tage ausgehalten…

Noch relativ viel Platz, am Wochenende aber komplett ausgebucht.
keine 100m von unserem Platz entfernt: Der Sarner See.

Samstag, 11. Juni

Jeannine: Heute stehen zwei Seen und ein Pass auf dem Programm. Zunächst geht es auf einem eher langweiligen Uferweg dem Sarner See entlang, an dessen Ende wir gecampt haben. Dann gibt es einen Anstieg, und hinter dem Ort Kaiserstuhl folgt ein zweiter See, der etwa 100 Meter höher liegt: der Lungener See.

Blick zurück von Kaiserstuhl auf den Sarner See.

Der erste Blick nimmt einem buchstäblich den Atem. Der See hat eine geradezu berückende Farbe, ein intensives Türkis. Im Kontrast mit den dunkel bewaldeten Bergen im Hintergrund und den schneebedeckten Gipfeln, die man in der Ferne sieht, ist das einer der schönsten Seen, die man sich vorstellen kann. 

Berückend schön: Der Lungener See.

Der Lungerner See – dessen Becken von einem eiszeitlichen Gletscher ausgewaschen wurde, wird übrigens „wandernder See“ genannt, weil seine Ausdehnung mehrfach künstlich verändert wurde. Im 18. Jahrhundert kam die Idee auf, den See künstlich abzusenken, um weiteres Land für Besiedlung und Bewirtschaftung zu gewinnen. Dieses Projekt spaltete das Dorf Lungern in Befürworter  („die Nassen“) und Gegner („die Trockenen“). Nach dem Start 1790 drohte drohte es aus Geldmangel immer wieder zu scheitern. Der Kanal durch den Felsen, der den See nach Norden hin abriegelt, wurde schließlich 1836 mit einer Sprengung abgeschlossen. Der Seepegel sank in den folgenden Monaten langsam um 18 m und gab 170 Hektar Land frei, das in den folgenden Jahren bewirtschaftet werden konnte. Dabei blieb es allerdings nicht. Nur 85 Jahre später wurde der See für die Stromgewinnung erneut auf das alte Niveau gestaut. Heute wird in einem Kavernenkraftwerk im Felsinneren Strom produziert. Im Winter wird der Seepegel um 40 m gesenkt, um genügend Platz für das Schmelzwasser im Frühling zu lassen.

Der Weg um diesen See ist einfach wunderschön. Allerdings ziemlich eben. Wie auch der Weg entlang des Sarner Sees. Nach ca. 15 km ebener Gehstrecke bin ich völlig geschafft, und mir tut einfach alles weh. Dann aber kommt der Brünigpass (400 steile Höhenmeter), bei dem ich dummerweise die Route wähle, die entlang der Kantonsstraße führt. An diesem wunderschönen Samstag ist dort die Hölle los. Jeder, der ein Cabrio oder ein „Töff“ (wie es in der Schweiz heißt) besitzt, muss heute die Pass-Straße fahren. Die Geräuschkulisse ist nicht eben das, was man sich bei einer Bergwanderung vorstellt. Als ich oben ankomme, mag ich nicht mehr. Da steht doch praktischerweise ein Postbus am Bahnhof, der mich direkt zu dem Bauernhof-Wirtshaus-Stellplatz für heute Abend fährt. Vor lauter Erleichterung lasse ich meine Wanderstöcke am Bahnhof stehen. Den Suchantrag über die SBB stelle ich gleich darauf. Schauen wir mal, ob ich die Stöcke wiederbekomme.

Claus: Nach einer erneuten Fahrt von ca. 30 KM bin ich um ca. 11.00 bei einem Bauern-/Landgasthof, der Stellplätze auf “Wohnmobil-Land“ anbietet. Sehr rustikal. Sehr speziell. Aber cool.
Die sehr nette Wirtin zeigt mir das Camper-Bad und die separate Toilette. Diese wurden im Dach eingebaut. Dort gibt es für uns (wenn man bräuchte) ein Kochplattenfeld, eine Mikrowelle und eine Kaffeemaschine.
“Mein“ Stellplatz wird freigeräumt, während ich einen Kaffe trinke und mich eingewöhne. Der Stammtisch ist sehr gut gefüllt. Ich bin der einzige der Kaffee trinkt 😉
Da der Platz keinen Schatten bietet (im Auto mittlerweile ca. 36 Grad), bleibe ich in der Gartenwirtschaft und lausche den sehr interessanten und durchaus sehr lustigen Gesprächen. Einziger wirklicher Nachteil: Tausende von Fliegen.
Was wirklich kaum zu glauben ist: Es gibt eine Mittagsmenue mit Suppe, Salat, Schnitzel und Pommes für CHF 10.- !!!!! Ja, wir sind in der Schweiz, aber dies ist eine Marketing-massnahme der Wirtin (nur Samstags). Ich bestelle – und bin sehr überrascht: Viel und sehr lecker. Das Mittagsmenue ist übrigens ein Tagesmenue – das ich abends nochmals esse.

Jeannine erreicht den Stellplatz gegen 16.00. Kurz darauf kommt eine weitere Jakobs-Wanderin, mit der wir sofort in Gespräch kommen (Gesche aus Hamburg, die in der Schweiz wohnt). Sie übernachtet auf dem Bauernhof, der auch einfache Zimmer anbietet. Wir essen zusammen zu Abend (jeweils das Menue 😉 und haben viel zu erzählen.
Da sie ihren Rucksack kaum noch tragen kann (sie muss natürlich alles an Klamotten, Handtücher, Schlafsack, etc. mitschleppen) biete ich an, ihr Gepäck am Sonntag im Auto mitzunehmen und uns dann auf dem nächsten Campingplatz wieder zu treffen. Da sie die gleiche Strecke wir Jeannine wandert, ist dies kein grosser Umweg.

Auf der Terrasse mit dabei…
Leider ohne Schatten, sonst aber sehr nett

Sonntag, 12. Juni

Jeannine: Claus steht heldenhaft um 7:30 Uhr mit mir auf, damit wir gemeinsam im Wirtshaus frühstücken können. Unsere Bekannte Gesche aus Hamburg ist auch schon da. Wir wollen uns abends wieder treffen, aber die Strecke jeweils allein laufen.

Der Weg führt zunächst durch den Ort Hofstetten, in dem der Schweizer Spielwarenhersteller Trauffer ein markantes „Bretterhotel“ errichtet hat. Dort kann man nicht nur übernachten, sondern die Produktion besichtigen, Schnitzkurse buchen und Holzkühe mit roten Punkten bemalen. Einen Shop gibts natürlich auch, an dem laufe ich später vorbei.

Bretterhotel Trauffer in Hofstetten bei Brienz. Ganz typisch: Die Holzkuh mit roten Punkten.

Trauffer ist heute der bekannteste und größte Schnitzbetrieb in Brienz, das früher für sein Schnitzhandwerk berühmt war. Um 1900 soll es hier 650 Holzschnitzer gegeben haben. Heute dominiert natürlich der Tourismus. Aber mit Dutzenden von Holzskulpturen entlang des Wanderwegs durch das Dorf hat Brienz seiner Tradition schöne Zeichen gesetzt. Nett sind auch die Boxen an der Promenade, in denen Liegestühle deponiert sind, die zum Verweilen und Genießen einladen.

Kostenloses Vergnügen: Liegestühle in Brienz.

Heute laufe ich also den Brienzer See entlang Richtung Interlaken. Es wird ziemlich heiß und es gibt einige Höhenmeter zu bewältigen, wenn der Weg vom See wegführt. Aber man wird mit grandiosen Blicken auf den See und die Bergketten gegenüber belohnt, und auf den Waldwegen ist es angenehm kühl.

Ein Highlight ist die Überquerung der Hängebrücke oberhalb von Oberried. Die 80 m lange Stahlkonstruktion überspannt ein 70 m tiefes Tal, schwankt gehörig und macht sehr eindrückliche Geräusche.

Hängebrücke bei Oberried.

Gegen 15 Uhr bin ich bei Claus auf dem sehr netten Campingplatz in Ringgenberg.  Gesche kommt eine Stunde später an, genauso geschafft von der Hitze wie ich. Sie holt ihren Rucksack bei uns ab und kommt abends nochmal wieder zum Essen. Wir verbringen einen interessanten und amüsanten Abend mit ihr.

Claus: Ich fahre weiter (diesmal ganze 17 KM), zu einem Campingplatz in Ringgenberg, den wir gestern für 3 Tage gebucht haben. Wir haben uns darauf geeinigt, eine Pause einzulegen und die Wanderung zu unterbrechen. Dies auch, damit ich mal wieder richtig campen (und hoffentlich mein neues eBike ausprobieren) kann. Wenn ich nur einen Nachmittag auf einem Campingplatz bin, lohnt es sich nicht, die Fahrräder abzuladen (auch wegen meiner noch anhaltenden leichten Schmerzen). Dadurch können wir aber die Hecktüren nicht öffnen und z.B. die Markisenstange nicht rausholen. Bedeutet: Im Auto sitzen (sehr heiss) oder in der Sonne vor dem Auto …(auch heiss).

Heute ganz anders: Um ca. 10.30 Uhr angekommen, Fahrradträger demontiert, Markise ausgefahren, Stühle und Tisch aufgebaut = Camping!

Ein sehr netter, ruhiger Platz mit sehr freundlichen Gastgebern. Freue mich, dass wir nun mal ein paar Tage an EINEM Ort sind. Ausserdem können wir auch mal wieder ausschlafen. Die letzten Tage ging Jeannines Wecker immer gegen 7:30. Heute waren wir tatsächlich schon um 7.55 (!!!!!!!!) im Gasthof frühstücken. Nicht meine Zeit.

Der Campingplatz ist lang, aber sehr schmal, so gibt es einfach zwei Reihen mit Stellplätzen.
Unser WoMo in traumhafter Umgebung.
Wenn man aufsteht und nur 20m nach vorne läuft: Dieser Blick!

In rund zwei Stunden kommen dann die beiden Wanderinnen. Jeannine hat angeboten für uns drei zu kochen. Rotwein habe ich bereits gekauft.
Das Wetter ist super. Der Platz ist toll. Und wir bleiben drei Tage. Alles Topp!,

Montag, 13.6.

Jeannine: Heute ist ein Pausen-Tag. Wir schlafen aus, wie frühstücken gemeinsam und in Ruhe, wir waschen Wäsche. Nachmittags fahre ich mit dem Rad nach Interlaken, staune über die vielen Chinesen, die schon wieder hier sind, und statte der Migros einen Besuch ab. Das Wetter ist Aprilmäßig, es schüttet immer mal wieder. Die Kniegelenke freuen sich auch über die Pause.

Dienstag, 14.6.

Claus: Da wir ja noch auf dem gleichen Campingplatz wie gestern sind, können wir auch heute in Ruhe frühstücken (Gipfeli und Brot sind sehr lecker) und überlegen, was wir denn so machen. Ausserdem schliessen wir unser WoMo das erste Mal an den Landstrom an, da wir unsere diversen Akkus (2x eBikes, 1x Akkustaubsauger, 1x Zahnbürste und 1x ipad) laden möchten .
Jeannine möchte eine Wanderung (unabhängig vom Jakobsweg) machen und ich möchte heute endlich mal auf meinem neuen Bike sitzen.
Was ich dann auch, sehr vorsichtig, mache und 2x ca. 30min durch die Gegend fahre. Es gibt einige Dinge an die man sich erst gewöhnen muss, z.B. der per Knopfdruck höhen-verstellbare Sattel. Wenn man anhält, muss dieser unten sein….sonst fällt man halt wieder um.

Die neue “Maschine“.
Nach nur wenigen Metern: Eine wunderschöne Aussicht.


Im Auto sind es jetzt, 15:30, 29,3 Grad. Draussen wahrscheinlich noch etwas mehr. Aber ich wollte ja Sonne und Wärme.
Schade das wir morgen schon weiterfahren, denn dieser Campingplatz ist unheimlich nett gestaltet, gemütlich und friedlich.
Wenn Jeannine zurück ist, werden wir besprechen, wie und wohin es morgen weitergeht. Sie denkt darüber nach, 2-3 Etappen von ihrer Wanderung zusammenzufassen und diese mit dem Fahrrad zu machen, da die kommenden Abschnitte wohl sehr viel Asphaltstrecken beinhalten – was extrem auf die Gelenke geht.

Nebenbemerkung: Obwohl wir unterwegs sind, haben wir gestern und vorgestern mit Freunden “Face-timen“ können. Früher hätte man eine Postkarte geschrieben, die dann vielleicht in 2 Wochen beim Empfänger gewesen wäre. So sind wir auf dem aktuellen Stand wie es “denen“ daheim geht. Der Technik sei Dank.

Was ausserdem unglaublich ist: Heute ist Dienstag und wir sind erst vor einer Woche losgefahren. Ich habe das Gefühl, dass wir schon wesentlich länger unterwegs sind.

So, nur wenige Minuten nachdem ich das oben geschrieben habe, kam Jeannine von ihrer Wanderung. Begeistert. Entsprechend war unsere “Besprechung“ sehr kurz: Wir bleiben noch 2 Tage länger (also bis Freitag) hier. War gerade bei der Rezeption und habe entsprechend verlängert. Super!!
Das ist auch das Schöne am Camping: Wenn es einem gefällt, kann man (meist) spontan entscheiden, ob man länger bleibt oder doch lieber weiterfährt.

Jeannine: Dass es wunderbare Wandertouren auch (oder vielleicht gerade) abseits des Jakobswegs gibt, teste ich heute. Ich fahre mit dem Bus nach Interlaken und laufe in 2 1/2 Stunden auf die Harder Kulm, eine Art Kanzel direkt über dem Ort mit sagenhaftem Blick in die Jungfrauregion und auf die beiden Seen, den Brienzer und den Thuner See.

Phantastischer Blick von der Harder Kulm auf Interlaken und auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

Der Weg ist zwar richtig steil (700 Höhenmeter auf nur 4 km), aber völlig problemlos zu gehen, also auch für Angsthasen geeignet. Er führt praktisch ausschließlich durch Wald, was bei der Hitze heute extrem angenehm ist. Oben gibt es eine spektakuläre Aussichtsterrasse, auf der wahrscheinlich täglich mehrere Tausend Fotos geschossen werden.

Die Aussichtsplattform in 1330 m Höhe – im Hintergrund der Thuner See.
In die andere Richtung der Brienzer See.
Sieht aus wie ein Schlösschen: Hotel und Restaurant Harder Kulm.

Ach ja, es führt eine Standseilbahn hoch, und die meisten der – sehr internationalen – Besuchern kommen auf diesem Weg nach oben. Ich fahre dann lieber runter wegen der Knie. Kurz vor der Endstation werden die Fahrgäste in sieben (!) Sprachen verabschiedet, darunter drei asiatischen.

In der Standseilbahn geht es steil runter.

Nach dem internationalen Gewusel in Interlaken ist unser Campingplatz eine echte Oase. Wie es weitergeht, hat Claus ja eben schon geschrieben.

Mittwoch, 15.6.


Jeannine: Nach der Wanderung gestern fahre ich heute mit dem Rad um den Brienzer See herum. Mit dem E-Bike ist das eine gemütliche Tour von 40 km, trotz der ca. 300  Höhenmeter. Ich schaue mir nochmal Brienz an, bewundere die alten Holzhäuser in der Dorfmitte und plaudere mit einem jungen Litauer, der vor 2 1/2 Wochen mit dem Rad in León in Nordspanien gestartet ist und in den nächsten beiden Tagen noch bis Zürich fahren will. Ohne E-, wohlgemerkt. 

Die Brunngasse in Brienz mit wunderschönen alten Holzhäusern.

Die Südseite des Brienzer Sees ist stark bewaldet und steiler als die Nordseite, die ich ja am Sonntag entlang gewandert bin. Es schaue mir die Giessbach-Wasserfälle an, bei denen das Wasser in 14 Kaskaden und über 500 Meter in den Brienzer See stürzt. Dieses Schauspiel veranlasste einen Französischen Hotelier 1875 am Fuss der Wasserfälle ein Grandhotel zu bauen. 100 Jahre später stand das Grandhotel Giessbach vor dem Aus, sollte abgerissen und durch einen Betonneubau ersetzt werden. Ein Heimatschützer konnte erwirken, dass es unter Denkmalschutz gestellt wurde, und eine Stiftung ermöglichte die sukzessive Renovierung. Heute ist der Platz am Hotel eine der Stationen der Grand Tour of Switzerland.

In mehreren Kaskaden stürzt das Wasser über 500 Meter in den Brienzer See.
Das Grandhotel Giessbach.

Von den Giessbachfällen aus geht es immer weiter bergauf und bergab durch den Wald nach Westen Richtung Interlaken und von dort zurück auf unseren Campingplatz. 

Claus: Heute ein “Technik-/Haushaltstag“. Da unser Frischwasser leer und die Trocken-Trenn-Toilette (TTT) fast voll ist, muss etwas unternommen werden. Also Markise eingerollt, Tisch und Stühle zur Seite, alles im Auto gesichert – und dann die ca. 200m zur Ent-/Versorgungsstation gefahren. 100L Frischwasser befüllt und Grauwasser entsorgt.
Danach die 200m wieder zurück an unseren Stellplatz gefahren. Markise ausgerollt, Tische und Stühle wieder plaziert und erst einmal ein Wasser getrunken.
Dann 1,5 L Wasser gekocht und einen neuen Kokosziegel für die Toilette angesetzt. TTT ausgebaut, Inhalt aus TTT in einen Müllsack und TTT mit neuem Kokosziegel befüllt. Fertig. Hier haben wir nun wieder Ruhe, für ca. 14 Tage. Die Wasser-rein-raus-Mimik machen wir dann nochmals hier auf dem Campingplatz bevor wir am Freitag abreisen.
Wollte eigentlich noch ein bisschen Fahrradfahren, aber nun ist es definitiv zu heiss. Laut Wetter-App 27, gefühlt 30 Grad (15:30). Im Schatten, mit viel Wasser, lässt es sich aber gut aushalten.
Jeannine ist vor ein paar Minuten von ihrer Fahrradtour zurückgekommen.

Donnerstag, 16.6.

Jeannine: Gestern Abend und in der Nacht hat es gewittert und heftig geregnet. Für heute ist eigentlich schönes Wetter angesagt, aber beim Aufstehen sieht es gar nicht danach aus. Schwarze Wolken hängen über den Bergen. Ich disponiere um und mache nur eine Wanderung um unseren Ort herum. Am Ende sind das dann doch 12 km und 440 Höhenmeter und ganz ohne Regen, dafür sehr schwül. Aber ich hätte jederzeit abbrechen können.

Löchrige Felsen oberhalb von Niederried.

Zurück auf dem Campingplatz haben wir neue Nachbarn aus Schwäbisch-Hall, die uns spontan zwei Cremeschnitten zum Kaffee spendieren. Die saugen wir geradezu ein. Wir revanchieren uns abends mit einem Apéro und hocken schließlich noch bis 23 Uhr beisammen.

Claus: Das Pärchen hat übrigens auch einen Peugeot Boxer (wie wir), allerdings komplett selbst ausgebaut. Respekt!
Das Fahrzeug haben sie gebraucht gekauft (von einem Gärtnerbetrieb) und dann für “Wochenende-Ausflüge“ ausgebaut. Nun sind sie das erste Mal etwas länger unterwegs – und leider tropft es irgendwo. Sie müssen am nächsten Tag alles abbauen und zu einem Camping-Laden fahren, um dort ein Schelle für eine Wasserleitung zu kaufen.

Morgen geht es auf dem Jakobsweg weiter. Wegen der vielen Asphaltstrecken und weil für die nächsten Tage über 30 Grad angesagt sind, werde ich die restlichen Etappen bis Genf aufs Fahrrad umsteigen. 

Freitag 17.6.

Jeannine: Es soll heute richtig heiß werden, aber als ich um 8:30 starte, ist es noch angenehm kühl. Ich fahre heute zwei Wanderetappen mit dem Rad. Der Weg führt durch Interlaken (wo schon einige Chinesen unterwegs sind) und entlang der Südseite des Thuner Sees. Der See liegt noch im Morgendunst und hat eine fast mystische Ausstrahlung.

Der Thuner See im Morgenlicht. Blick von Faulensee Richtung Interlaken.

Ab dem reizenden Städtchen Spiez fahre ich weg vom See und weg von den Alpen, die über die nächsten Kilometer immer noch als prachtvolle Kulisse im Hintergrund zu sehen sind. Ich komme an schönen Bauernhäusern mit unglaublich prachtvollen Bauerngärten vorbei. 

Die romanische Kirche von Amsoldingen.

Es ist schön, durch die hügelige Landschaft zu fahren, aber doch ganz anders als Wandern. Beim Wandern sieht man noch mehr, und der Rhythmus ist gewissermaßen unverfälschter.

Ich treffe Claus schon gegen 13 Uhr auf dem Stellplatz an einem Restaurant, den wir uns ausgesucht hatten. Das Restaurant punktet zwar mit besonders guten Fleischgerichten und mit einer Männergruppe im Hinterzimmer, die singt und jodelt. Aber ansonsten ist es gräßlich, weil das Wohnmobil in der prallen Sonne auf einem Parkplatz und an einer belebten Landstraße steht. Hier können wir nicht bleiben. Aber das wird Claus genauer beschreiben.

Claus: Jeannine hat erstmals ein Etappe mit dem Fahrrad gemacht, bzw. 2 Etappen zusammengefasst.

Geplant war, sich auf einem Stellplatz an einem Restaurant zu treffen und dort zu übernachten. Ich war zuerst dort und nicht sonderlich begeistert. Trotz der Hitze habe ich mir Hörnli mit Gehacktem bestellt und mir beim Essen den Platz angeschaut: Kein Strom, kein Wasser, ein grosser Kiesparkplatz an einer recht stark befahrenen Strasse – ohne jeglichen Schatten.

Highlight was dieser Oldtimer-Bus, der aussah als wäre er nagelneu

Jeannine kommt ca. 1 Stunde nach mir an, und wir sind uns einig, dass wir dort nicht übernachten wollen (wo sollten wir uns auch den ganzen Nachmittag aufhalten?). Also entscheiden wir, etwas von der Route abzuweichen und auf einen kleinen Campingplatz in der Nähe zu fahren. Da dieser nur ca. 3 KM entfernt ist, fährt Jeannine mit dem Fahrrad und ich mit dem WoMo dorthin.
Eine SEHR gute Entscheidung. Ein ganz kleiner Platz, auf dem wir den einzigen Schattenplatz bekommen. Ein “Träumchen“.

Neben uns stehen unglaublich nette und hilfsbereite Nachbarn (Dauercamper). Da der Platzwart nicht vor Ort ist (er ist Lokführer, und kann nur an seinen Haltestellen mit uns telefonieren), erklärt uns die ältere Dame alles, was wir wissen müssen. So haben wir einen tollen Schattenplatz, können uns entspannen – und im blitzsauberen Clubhaus duschen (dieser Campingplatz ist ein Verein).

Samstag, 18.6.

Claus: Auf diesem Platz hätte man noch Tage bleiben wollen…aber er war leider ab Mittag vergeben. Da es sehr heiss werden soll, beschliessen wir kurzfristig, wieder in die Berge zu fahren, die geplante Tour also etwas zu verändern. Genauer gesagt, fahren wir in ein Tal, dass wir auf unserer Tour letztes Jahr kurz gestreift hatten: das Diemtigtal. So packen wir alles ein und fahren gemeinsam (das 1. Mal seit 10 Tagen*) im WoMo dorthin.
Auf 1200m Höhe angekommen, ist es zwar auch nicht viel kühler, aber wir haben eine gigantische Aussicht.

*die letzten 10 Tage war Jeannine tagsüber ja alleine zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs und ich alleine mit dem WoMo. Unsere Treffen waren erst jeweils am Nachmittag, auf den vorher geplanten Stell-/Campingplätzen.

Campingplatz in Schwenden im Diemtigtal.

Mit dem Platzwart haben wir vorher telefoniert (er war den ganzen Tag auf einer Beerdigung) und er hat uns ungefähr beschrieben, wo wir stehen könnten. Wir hoffen, dass wir auf dem richtigen Platz stehen und bei der Hitze nicht nochmal umziehen müssen, weil wir uns schon richtig installiert haben (Markise, Tische und Stühle aufgebaut) Abends kommt er dann vorbei: Alles OK!

Auch hier ist zu bemerken, dass die anwesenden Dauercamper total hilfsbereit sind und uns z.B. mit Duschmarken aushelfen (wir können ja keine kaufen, solange der Chef nicht da ist), den Weg zum Restaurant beschrieben und weitere Tipps geben.

Während des gesamten bisherigen Aufenthalts im Berner Oberland haben wir überall sehr nette, hilfsbereite und freundliche Menschen getroffen. Von den Dauercampern über die Bedienungen im Service, die Platzwarte bis zu den Busfahrern. So viel Freundlichkeit sei hier einfach mal erwähnt!!

Jeannine macht am Nachmittag eine Wanderung, und ich tastete mich an mein neues eBike heran.

(Jeannine:) Kleine Wanderung durch das obere Diemtigtal.


Da wir für zwei Nächte gebucht haben, können wir es uns richtig gemütlich machen. Ab 20:00 sinkt die Temperatur auf erträgliche ca. 24 Grad.

Sonntag, 19.6.

Claus: Gestern Abend haben wir eine weitere Änderung unserer Routenplanung besprochen: Wenn möglich, werden wir hier um eine Nacht verlängern und erst am Dienstag weiterfahren. Jeannine hat noch drei Etappen bis Genf geplant. Alle mit dem Fahrrad, was bei der Hitze und den zu erwartenden Asphalt-Strecken wesentlich angenehmer ist. Ich werde auf einen Campingplatz in Lausanne fahren und dort drei Tage bleiben. Jeannine wird (nach ihren Etappen) jeweils mit dem Zug wieder hinkommen und am nächsten Tag mit dem Zug wieder zum Ausgangspunkt fahren.
Dies hat den Vorteil, dass ich nicht den ganzen Tag in der Hitze auf einem Stellplatz ohne Infrastruktur auf sie warten muss, sondern mich auf dem Campingplatz häuslich einrichten kann, wir die Akkus unserer eBikes wieder aufladen, die Duschen und das Restaurant nutzen können.
Danach fahren wir nach Frankreich, wo wir ja verabredet sind. Dort haben wir dann auch 1-2 Tage mehr als geplant.

Jeannine: Für heute ist die große Hitze angekündigt, die Mitteleuropa im Griff hat. Eigentlich kein Wetter zum Wandern. Aber es gibt einen Weg vom Fuß des Diemtigtals in Oey ans Ende, wo wir mit dem Wohnmobil stehen. Das Tal hoch, immer dem Fluß entlang und meistens im Schatten. Für diese Tour fahre ich mit dem Postbus bis nach Oey und wandere wieder hinauf. Selbst in dieses entlegene Bergdorf fährt täglich alle zwei Stunden ein Bus – hin und zurück. Pünktlich. Und immer mit netten, überaus hilfsbereiten Busfahrern. Normalerweise buche ich über die App der Schweizer Bahn, was ca. 1 Minute dauert. Diesmal brauche ich wegen der Gästekarte nicht mal etwas zu bezahlen. Der Schweizer ÖV (Öffentlicher Verkehr) ist einfach spitze.

Immer dem Bach entlang, meistens im Schatten.

Tatsächlich sind ca. 70% des Wegs im Schatten und traumhaft schön zu laufen. Bei den restlichen 30% schleiche ich jeweils zum nächsten Baum. Es ist wirklich sehr heiß. Aber der Weg hat sich gelohnt!

Montag, 20.6.

Claus: Nachdem wir ja einen Tag auf dem CP verlängert haben, bleiben wir also noch auf diesem Platz mit wunderschönem Blick, umringt von hohen Bergen.

Mittlerweile sind wir übrigens fast alleine auf dem ganzen Campingplatz (sehe nur ein holländisches Pärchen mit einem Wohnwagen). Wie mir der Platzwart eben sagte, ist dies normal, da viele Camper (auch die Dauercamper) nur am Wochenende hier sind und Sonntagabend bzw. Montagmorgen wieder abreisen.
So hört man hier, ausser den Glocken der Ziegen, nichts. Wunderbar.

Jeannine ist zu einer Wanderung gestartet. Das Wetter ist allerdings etwas “komisch“. Wir hoffen, dass es nicht plötzlich umschlägt. Dies war gestern der Fall: Obwohl alle Wetter-Apps Windstille voraussagten, fing es gegen 21:00 an stark zu winden und zu regnen.
Eine Face-time-Sitzung mit Freunden mussten wir abbrechen, weil sie vor lauter Regengeprassel auf unsere Markise nichts mehr verstehen konnten.

Jeannine: Ich mache heute eine Rundwanderung das Tal hoch, sozusagen bis zum Ende. Der Weg geht von der Höhe unseres Campingplatzes auf 1200 m hoch bis auf 1840 m zum sogenannten Grimmi. Die Tour ist ein Traum! Es geht über Almen, durch verwunschene Bergwälder und über blühende Bergwiesen, immer mit Blick auf eine spektakuläre Bergkulisse.

Auf der Grimmi. Oder dem Grimmi?

Ich entdecke Alpenrosen und einen einzigen blauen Enzian. Das kann eigentlich gar nicht sein, nur so ein einzelnes Exemplar, aber ich hab den Beweis.

Damit bin ich übrigens in den beiden Tagen das komplette Diemtigtal vom Fuß bis ans Ende hochgelaufen. Bin ganz stolz!

Dienstag, 21.6.

Claus: Heute verlassen wir das schöne Tal und fahren gemeinsam im WoMo ungefähr zum letzten Ausgangspunkt. Ab dort will Jeannine die Strecke mit dem Fahrrad fahren. Wir sind auf einem CP in Lausanne verabredet, den wir sicherheitshalber vorher gebucht haben.
Obwohl die Strecke (mit dem Auto) nur ca. 140 KM lang ist, rechnet das Navi mit einer Fahrzeit von fast 3 Stunden. allerdings habe ich auch “Autobahnen vermeiden“ eingegeben, da ich die Landschaft geniessen möchte.

Ich bin gegen 14:00 auf dem CP und installiere alles. Jeannine wird noch eine ganze Weile bis hierher brauchen. Der Platz bietet zwar keinen Schatten, aber wir sind nur 20m vom Restaurant und 50m vom Genfersee entfernt! An die Schweiz erinnert hier nicht mehr viel (ausser den Preisen im Restaurant), alles ist etwas unordentlich, runtergekommen und veraltet. Die Empfangsdame (Chefin?) ist sehr freundlich und spricht, im Gegensatz zum Servicepersonal, auch Deutsch mit mir.
Da es den ganzen Tag über drückend heiss ist und Jeannine ziemlich fertig von ihrer Etappe heute, wollen wir keine weiteren Ausflüge mehr machen und gehen in das gegenüberliegende Restaurant. Nicht sonderlich lecker, dafür aber teuer.
Wir sitzen dann noch sehr lange vor dem WoMo, da es auch um 23:00 noch drückend heiss und schwül ist. An Schlafen ist noch nicht zu denken.

Jeannine: Wir frühstücken, packen zusammen und verabschieden uns von Campingbetreiber Edi und vom wunderbaren Diemtigtal, das wir sicher nicht das letzte Mal besucht haben. Claus bringt mich zum Ausgangspunkt meiner heutigen Tour im Örtchen Schwarzenburg im Naturpark Gantrisch. Die Schweiz hat ja 20 Naturpärke (Schweizer Plural), und auch das Diemtigtal ist einer davon. 

Jedenfalls ist es 12 Uhr, als ich starte, weil wir noch kurz bei einem Volg („frisch und fründlich“) einkaufen, um die gähnende Leere in unserem Kühlschrank zu füllen, und weil uns das Navi einen Umweg fahren lässt.  12 Uhr ist ein bisschen spät für die heutige Hitze. Als ich nach 1 1/2 Stunden in Fribourg ankomme, bin ich schon etwas geschafft. 

Blick auf die Altstadt von Fribourg von der anderen Seite der Saane.

Fribourg, übrigens auch eine Zähringerstadt wie ihre Namensschwester im Breisgau, liegt auf einem Felssporn, der von drei Seiten vom Fluss Saane umgeben ist, der sich tief in das Gestein eingegraben hat. Das ergibt einen natürlichen Graben, über den mehrere Brücken führen und der eindrucksvolle Blicke auf die Altstadt erlaubt. Wehrtürme auf der anderen Seite des Flusses bezeugen, dass der Graben im Mittelalter für die Verteidigung der Stadt genutzt wurde. Die eng erbaute Altstadt (übrigens die größte der Schweiz) wird dominiert von der gotischen Kathedrale St. Nicolas, die für ihre schönen Jugendstilfenster bekannt ist. 

Glasfenster nach Entwürfen des polnischen Künstlers Józef Mehoffer, entstanden zwischen 1895 und 1932.

Die Weiterfahrt nach Fribourg wird ehrlich gesagt gräßlich. Es ist so heiß, dass ich das Gefühl habe, mein Kopf überhitzt unter dem Helm. Kein Schatten nirgendwo. Der Fahrradweg führt durch Dörfer und zwischen Feldern, aus denen die Hitze fast sichtbar aufsteigt. Unterwegs überhole ich einen Jakobspilger (Muschel am Rucksack), der mit hochrotem Kopf auf der gleichen Straße läuft  wie ich. Gesund sieht das nicht aus.

Kurz hinter Fribourg verliere ich den Handyempfang und weiß fast 20 km lang nicht, ob ich richtig bin. Selbst schuld: Bei meinen Berg-Touren habe ich mir immer die Karten heruntergeladen, heute nicht. Irgendwann entdecke ich dann doch die Abzweigung, auf die ich gewartet hatte und weiß, dass ich richtig bin. Kurz darauf gibt’s auch wieder Empfang. Aber bis Lausanne schaffe ich das heute nicht mehr! Ich nicht und mein Akku auch nicht.

In Romont steige ich in den wunderbar klimatisierten Zug und bin in einer halben Stunde in Lausanne. Vom Bahnhof ist es nur eine Viertelstunde bis zum Campingplatz, wo mich Claus am Empfang erwartet. Der Campingplatz ist nicht sonderlich gepflegt, liegt aber direkt am See und hat auch ein bisschen Schatten. Aber es ist so heiß und schwül, dass man sich möglichst nicht mehr bewegen mag. Wir gehen im Campingrestaurant am See essen (schlecht, aber teuer) und genießen das kleine Lüftchen, das hier weht. Bei klarerer Sicht (heute ist alles grau in grau) könnte man sicher die Berge auf der gegenüberliegenden Seeseite sehen.

Mittwoch, 22.6.

Jeannine: Echte Jakobspilger lassen sich von nichts abhalten, nicht von entzündeten Füßen, nicht von Hitze und nicht von Asphaltstraßen, denen sie kilometerweit folgen. Offensichtlich bin ich keine echte Jakobspilgerin (das Pilgern war ja sowieso nicht mein Fokus), bzw. vielleicht ist der Jakobsweg nicht mein Weg. Viel toller waren die Touren der vergangenen Tage im Diemtigtal, und davon gibt es in den Alpen ja reichlich. Also: Hiermit endet mein Jakobsweg, zumindest vorläufig. Ich werde mir neue Wege suchen.

Damit sind Claus und ich frei in der weiteren Planung unserer Tour.

Claus: Beim Frühstück entscheiden wir, einen Tag früher zu unserem Lieblingscampingplatz in den französischen Vogesen zu fahren (wo wir am Sonntag unsere Freunde treffen).
Heute wollen wir noch mit dem Fahrrad nach Lausanne in die Innen- und Altstadt. Dies auch, damit Jeannine sich sehr, sehr bequeme Schuhe kaufen kann…(sie wird sicher noch berichten). In die Stadt zu kommen ist nicht sooo einfach, da alles für ein Kinder-Fahrradrennen abgesperrt ist. Die Polizei motzt uns an und eigentlich dürfen wir weder vor noch zurück. Aber mit unseren eBikes sind wir schnell…weg.
Zurück aus der Stadt (heiß, laut, stickig, stressig), entscheide ich, auf dem Campingplatz zu bleiben. Immerhin haben wir uns Lausanne 4 Stunden lang angetan. Jeannine will aber nochmals in die Stadt fahren und ein Museum besuchen.
Während ich hier schreibe, gibt es ein Gewitter und Regen (ein ca. 15 minütiger Schauer) – und die Temperatur geht, zum Glück, etwas runter.

P.S.: Ein grosser Vorteil dieser Ferien ist, dass wir sehr wenig Kilometer mit dem Auto zurücklegen. Ein sehr grosser Vorteil, wie ich heute an den Tankstellen in Lausanne feststellen konnte: Der Liter Diesel kostet hier CHF 2.45.- (=EURO 2.41.-). Irgendwann müssen wir natürlich auch mal wieder tanken, aber ab morgen sind wir ja in Frankreich und dort ist es “normalerweise“ wesentlich günstiger (dafür ist der Tabak wesentlich teurer – muss also noch in der Schweiz Nachschub besorgen).

Das Unwetter am Abend macht den Abschied noch etwas leichter.

P.P.S.: Um die Grössen der Seen einschätzen zu können, hier die grössten Badeseen Europas (wird sind am Genfer See.):

  • Balaton (Plattensee) Fläche 596 km²
  • Genfer See – Lac Léman. Fläche 580 km²
  • Bodensee. Fläche 536 km²
  • Gardasee – Lago di Garda. Fläche 369,98 km²
  • Neusiedler See. Fläche 320 km²
  • Comer See – Lago di Como. Fläche 146 km²
  • Müritz. Fläche 112 km²
  • Zürichsee. Fläche 88,17 km²

So, hier noch die ungefähre Route, die Jeannine zu Fuss und mit dem Velo und ich mit dem WoMo zurückgelegt haben:

Jeannine: Nach unserem gemeinsamen Ausflug in die Altstadt von Lausanne (auf der – vergeblichen – Suche nach Flipflops für meinen entzündeten Hallux) fahre ich nochmal los. Direkt neben dem Bahnhof entsteht ein neues Museumsquartier – Platform 10. Bereits fertiggestellt ist das MBCA (Musée cantonal des Beaux Arts, also das kantonale Kunstmuseum), das in einem beeindruckenden Neubau des Architektenduos Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga untergebracht ist. Kurz vor der Fertigstellung sind ein kantonales Designmuseum (Musacchio) und ein Fotografiemuseum. Das Kunstmuseum hat eine interessante Sammlung mit Schwerpunkt auf Schweizer Künstlern. 

Kantonales Kunstmuseum : Neubau von Barozi/Veiga.
Kein Schweizer Künstler: Spiegel von Amish Kapoor.

Eine aktuelle Ausstellung widmet sich dem Thema „Train Zug Treno Tren“ – also der Beschäftigung mit Eisenbahn, Gleisen und Bahnhöfen. Die anfangs unerhörte Geschwindigkeit hat Künstler vor allem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu neuen Ausdrucks- und Stilformen inspiriert.

Donnerstag, 23.6.

Claus: Heute also eine “lange“ Fahrt, nämlich von Lausanne (Schweiz) nach Herpelmont in den Vogesen (Frankreich). Insgesamt 260 KM – so weit sind wir die letzten Tage nie unterwegs gewesen! Dafür brauchen wir 5,5 Stunden, weil wir Landstraße und nicht Autobahn fahren, weil wir tanken (1 Liter für EUR 2.09), weil wir eine ausgiebige Mittagspause machen und weil wir noch Lebensmittel einkaufen und die Vorräte auffüllen.

Mittagspause in einem sehr schönen Bio-Bauernhof.
In welchem Land wir nun sind, wir auch schnell klar.
Angekommen auf unserem Lieblingsplatz, gönnen wir uns auf der Terrasse…

Da der Platz, den wir ab Sonntag gebucht haben, noch besetzt ist, wählen wir einen Standort am Wald, auf dem wir früher schon waren. Dort ist es sehr ruhig und schattig. Allerdings etwas abgelegen – zur Müllentsorgung oder zum Croissants Holen nimmt man also besser das Fahrrad.

Das Gefühl von wir sind “Daheim“ kommt hier sofort auf. Auch wenn sich verschiedene Dinge geändert haben: So ist das Restaurant nur noch einige Tage in der Woche und wenige Stunden pro Tag geöffnet (Personalmangel), man hat einige Stellplätze verändert (es gibt nun “Luxus“- und Komfort-Plätze), es wurden 50 Bäume an dem Bach gefällt, um mehr Sonne durchzulassen, und Brot bestellt man nun per App. Alles konzeptionelle Änderungen wegen der Einbußen und dem extremen Personalmangel durch Corona. Neuerdings kann man nun allerdings auch auf dem Platz Fahrräder mieten. Die Stand-up-paddels und Kanus gibt es weiterhin.

Wir machen es uns bequem und richten uns ein. Da das Restaurant geschlossen hat, kocht Jeannine sehr lecker und wir trinken einen der ersten Roséweine, den wir vorhin gekauft haben (für EUR 2,30.- die Flasche!).
Wie vorhergesagt, fängt es abends an ordentlich zu regnen.

Freitag, 24.6.

Es gibt ein internationales Frühstück:

Milch aus der Schweiz, Honig aus Spanien und Brot aus Frankreich.

Und eine kleine Besucherin, die mit den Mandeln des Croissants kämpft:

Jeannine war schon sehr fleissig und hat Wäsche gewaschen. Wir hoffen sie trocknet, bevor es gleich wieder regnen soll…

Jeannine: Ich mache einen kleinen Ausflug mit dem Rad nach Gerardmer. Jetzt sind wir sicher schon zum 5. Mal hier in der Gegend, und ich habe jedes Jahr Touren zu Fuß oder mit dem Mountain Bike gemacht. Aber das heute ist was ganz anderes! Dank der Sport-Touren-App Komoot und dank meines neuen E-Bikes entdecke ich einen zauberhaften Weg, der mich auf unbefahrenen Nebensträßchen durch den Wald nach Gerardmer führt. Hin und zurück sind das 44 km und 800 Höhenmeter, was ich mit dem normalen Rad nie gemacht hätte. Wenn die Wolken nicht so grau und trüb gewesen wären, hätte ich den Blick auf Gerardmer und den gleichnamigen See noch mehr genossen.

Gerardmer und der gleichnamige See,

Ich werde kaum nass – dafür geht der Regen so richtig los, sobald ich wieder am Wohnmobil bin.

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Italien Mai 2022

Sonntag 1.5.

Dass wir unser Reiseziel kurzfristig ändern, gehört ja inzwischen dazu. Eigentlich war eine weitere Etappe Jakobsweg geplant, mit Claus im Begleitfahrzeug. Aber die Wetterprognose für die Schweiz war nicht so prickelnd. Beim Wandern ist das kein Problem, beim gemütlichen Begleit-Campen schon. Also schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir fahren statt dessen nochmal nach Ligurien, wo wir ja vier Wochen zuvor wegen Kälte abgebrochen hatten. Und wir beschließen, dass ich den Jakobsweg in unserem Juniurlaub laufe, und dann auch gleich den ganzen Weg bis Genf. 

Also starten wir am Sonntag pünktlich zu unserer üblichen Zeit um 12 Uhr. Es dauert wieder ewig, bis wir fertig sind, nicht zuletzt, weil ich noch einen Blitzcurry aus einer fast „abgelaufenen“ Hähnchenbrust zubereiten muss. Wie beim letzten Mal nehmen wir für den Hinweg die Route über den Gotthard – was uns aber einen Stau bei Zürich beschert. Abgesehen davon kommen wir mit mehreren Pausen gut durch und sind gegen 19 Uhr auf dem Campingplatz bei Genua, den wir sicherheitshalber reserviert hatten. Letzteres erweist sich übrigens als unumgänglich auf dieser Tour. Die Campingplätze sind alle voll, bei einem werden wir sogar abgewiesen, und dabei ist es erst Anfang Mai. Aber offensichtlich gibt es einen Nachholbedarf nach den beiden Corona-Jahren, es gibt vielleicht insgesamt mehr Camper, und nicht zuletzt ist die Ligurische Küste auch kein Geheimtipp. 

Fast alle Plätze belegt: Camping Villa Doria bei Genua.
Wie idyllisch der Campingplatz liegt, sieht man am besten von oben.
Kleines oranges Highlight, gezogen von einem orangen VW-Bus.

Wir beginnen mit einem Apéro auf der Campingterrasse und ziehen uns dann ins Wohnmobil zum Essen zurück. Der Blitzcurry kommt zum Einsatz, Reis ist schnell gekocht. 

Montag, 2.5.,

Wir schlafen aus und beginnen den Tag ganz gemütlich. Ich habe Lust zu laufen und beschließe, nur eine Wanderung zu unternehmen und gar nicht nach Genua zu fahren. Die Wanderwege beginnen direkt hinter dem Campingplatz und führen steil bergauf ins Hinterland. Sofort ist man in einer anderen Welt und blickt aus Pinienwäldern auf die dicht besiedelte Küste. Der Zustand des Waldes ist erschreckend. Es ist alles viel zu trocken, einige Bäume sind schon abgestorben. Die Waldbrandgefahr ist geradezu sichtbar, und man mag sich gar nicht ausmalen, wie es hier im Sommer aussieht. Es duftet unbeschreiblich – nach den Pinien, und stellenweise nach Jasmin und Ginster. 

Blick auf Genua und den Hafen.
Alles trocken! Waldbrandgefahr!

Nach fast vier Stunden bergauf und bergab (entweder oder, dazwischen gibt es hier nichts), bin ich genügend ausgepowert. Nach einer Dusche und einem Campingterrassen-Apero gibt es Resteessen, und wir fallen früh ins Bett.

Dienstag, 3.5.

Wir frühstücken Kaffee und italienische Hörnchen und fahren auf der Via Aurelia nach Bogliasco, nur knapp 30 km weiter östlich. Die Via Aurelia führt aufgeständert mitten durch Genua, rechts Hafen, links Stadt. Die Häuserzeilen stehen gefühlt in Griffweite an der Schnellstraße. Wohnen mag man da nicht, aber es ist wirklich eindrücklich. Ein Kreuzfahrtschiff liegt im Hafen und sieht auch aus wie eine Häuserzeile.

Die aufgeständerte Via Aurelia führt durch Genua direkt an Häusern vorbei.
Kreuzfahrtschiff im Hafen von Genua.

Nach Genua schlängelt sich die Straße durch ehemalige Fischerdörfchen dem Meer entlang. Es ist unglaublich viel Verkehr (unter der Woche, im Mai), und man mag sich nicht vorstellen, was hier im Sommer los ist. Die Straße ist relativ eng und praktisch die ganze Strecke über beidseitig zugeparkt. Gerne auch in zweiter Reihe. Wir sind uns nicht einig, ob das nun alles schon Touristen sind oder Einheimische, die in den Dörfern selbst keine Parkmöglichkeit haben. Jedenfalls ist es anstrengend zu fahren, und wir brauchen 1 1/2 Stunden für die 30 km. Beim nächsten Mal nehmen wir wieder die Autobahn.

Der Campingplatz in Bogliasco ist auf einem Hügel über dem Dorf, mitten im Wald, mit Blick aufs Meer (leider nicht von unserem Platz aus).

Kurz vor dem Campingplatz ein Friedhof.
Noch gibt es einige wenige leere Plätze…Abends nicht mehr.

Es ist ziemlich voll, und wir kümmern uns sicherheitshalber gleich um die Reservierung des nächsten Campingplatzes. Ich laufe ins Dorf und zum Meer hinunter. Das bedeutet eine Viertelstunde Treppensteigen nach unten (zurück dauert es etwas länger). Der Ort und die Küste hier sind ganz reizend. Die typisch bunten ligurischen Häuser kontrastieren reizvoll mit den dunklen Klippen der Küste und dem hellblauen Meer.

Fischerhafen von Bogliasco.

In den kleinen Buchten wagen sich die ersten schon ins Wasser. Auf dem Weg durchs Dorf wieder intensive Duftschwaden von Jasmin. Mit einem marokkanischen Gemüsehändler, bei dem ich ein bisschen einkaufe, kann ich wenigstens plaudern. 

Abends gehen wir im Campingrestaurant Pizza essen und können fast bis zum Schluß in der Abendsonne sitzen. Sobald die weg ist, wird es gleich sehr kühl. Aber egal, wir haben so langsam wieder unseren Camping-Schlafrhythmus erreicht und liegen kurz vor 22 Uhr im Bett. 

Mittwoch, 4.5.

Heute ist eine halbtägige Wanderung geplant. Übrigens bewährt sich dabei die App von konmoot, die auch in den entlegensten Gegenden schöne Touren anbietet. Durch die gps-Ortung weiß man dankenswerterweise immer – na ja, meistens – wo man ist. Nach unserem Vormittagsprogramm starte ich erst gegen 13:30. Höhepunkt der Rundwanderung ist eine Kapelle auf 520 m Höhe. Die erste Stunde geht es also ziemlich steil bergauf, zunächst auf Treppen, dann auf Wanderwegen. Auf dem letzten Stück sind die Stationen eines Kreuzwegs aufgestellt, es handelt sich also um eine kleine Wallfahrtskapelle. Oben treffe ich zwei italienische Damen, die ganz begeistert davon sind, dass hier heute ausnahmsweise nichts los ist. Offensichtlich ist die Kapelle ein beliebtes Ausflugsziel. Rundherum sind mehrere Tische und Bänke aufgestellt für ein Vesper bei grandiosem Blick über die Küste.

Blick auf Bogliasco die Küste entlang Richtung Genua.
Wallfahrtskirche oberhalb von Bogliasco.
Bergab durch Pinienwälder.

Zurück führt der Weg erst durch Pinienwald und dann über die schon bekannten Treppen und Gässchen durch Villenviertel mit wunderbaren Gärten zurück ins Dorf und von dort wieder zurück zum Campingplatz. Echt schön war das, und dazu noch ein bisschen sportlich (10 km, 500 Höhenmeter).

Kleine Gässchen führen durch die Villenviertel von Bogliasco,

Wir essen abends wieder im Campingrestaurant auf der Sonnenterrasse. Heute kocht der Chef, und es gibt neben der Pizza für Claus eine gegrillte Dorade für mich. Besser geht einfach nicht.

Für Unterhaltung sorgen diverse Familien, bei denen die Kinder bespaßt werden müssen oder sich selbst bespaßen. Ein Mädchen am Nebentisch bekommt eine Pizza mit Pommes serviert. Claus ist hellauf begeistert und weiß schon, was er hier das nächste Mal bestellt.

Donnerstag, 5.5.

Wir fahren rund 50 km die Küste entlang weiter Richtung Cinque Terre, diesmal aber wohlweislich auf der Autobahn. Wir sind wieder beeindruckt davon, wie aufwändig die Autobahn hier gebaut und unterhalten werden muss. Brücken und Tunnel wechseln sich ab, es gibt fast kein normales Stück Straße dazwischen. In einem Dorf namens Deiva Marina haben wir für die nächsten Tage einen Campingplatz gebucht. Unterwegs beginnt es zu tröpfeln und regnet richtig, als wir auf dem Camping ankommen. Aber es ist nett hier, es gibt einen Supermarkt direkt vor dem Platz und einen kostenlosen Shuttlebus ins Dorf.

Nachdem wir in dem kleinen Supermarkt eingekauft haben, vespern wir erst mal – im Regen unter unserer Markise. Die Gemütlichkeit könnte noch gesteigert werden, aber man hält es aus. Danach laufe ich die rund 3 km ins Städtchen, das auch Anfang Mai noch im Winterschlaf liegt.

Noch ziemlich leer: Strandpromenade von Deiva Marina.
Dorfzentrum vio Deiva Marina.

Auf dem Rückweg versuche ich, die Straße zu vermeiden und wandere auf einem Pfad durch Gras und Schilf, der insgesamt dreimal einen Bach quert. Mit meiner Trittsicherheit ist es dann doch nicht so weit her, und ich trete prompt ins Wasser. Ich komme oben bügelfeucht und unten Naß wieder „zuhause“ an. Kein Problem, es gibt ja Wechselwäsche. Ein geöffnetes Restaurant habe ich im Dorf nicht gefunden, und so wird heute Abend gekocht.

Freitag, 6.5.

Es regnet die ganze Nacht und am nächsten Vormittag. Weil wir deswegen nichts verpassen, schlafen wir aus. Es regnet unvermindert weiter und wird erst am Nachmittag etwas weniger. 

Weil alles nass und glitschig ist, drehe ich heute nur eine kleine Runde. Aber auch kleine Runden können abenteuerlich werden. Mitten im Wald rennen plötzlich zwei dunkle Schweine über den Weg. Ich bin so überrascht, dass ich zunächst einfach weiterlaufe. Kurz darauf laufen drei gestreifte Ferkel in die entgegengesetzte Richtung. Da wird auch mir Zoologin klar, dass das Wildschweine sein müssen. Mit Frischlingen! Also eine Kombi, mit der nicht zu spaßen ist. Ich wende sofort mein Allheilmittel aus Spanien an, fange lauthals an zu singen und laufe weiter. Keine Ahnung, ob das wirklich die richtige Methode ist, jedenfalls bleibe ich unbehelligt!

Mitten im Wald steht dieses interessante Renditeobjekt, wahrscheinlich günstig abzugeben.

Samstag, 7.5.

Die Tour von heute, Ziurückgeht es mit dem Schiff.

Ich starte früh, weil für die geplante Tour heute 5 Stunden reine Wanderzeit veranschlagt sind. Um 8 Uhr fahre ich mit dem Camping-Shuttle nach Deiva Marina und eine halbe Stunde später mit dem Zug nach Riomaggiore, dem letzten der fünf Dörfer der Cinque Terre. Die Zugverbindung ist super und viel schneller als das Auto. Viel sehen kann man aber leider nicht, weil der Zug buchstäblich mehr im Tunnel fährt als außerhalb. Von dort führt ein Wanderweg über eine Landzunge nach Portovenere. Nach zwei Cappuccini als Starthilfe mache ich mich auf den Weg, der zunächst über 400 Höhenmeter ziemlich steil nach oben zu einer Kapelle führt.

Die erste Etappe geschafft: Blick von Höhe der Kapelle auf Riomaggiore und die Küste der Cinnque Terre.

Es ist Samstag und nach zwei Regentagen erstmals wieder schönes Wetter. Kein Wunder, dass ich auf diesem beliebten Weg nicht allein bin. Es ist eine ungewohnte Erfahrung, vor oder hinter mir Wandergruppen zu haben, die unablässig italienisch, englisch oder schweizerdeutsch schnattern. Die erste Italienergruppe lasse ich hinter mir, indem ich einfach ohne Pausen weiterwandere. Auf etwa der Hälfte der Strecke gibt es ein kleines Dorf mit mehreren Rastplätzen und Restaurants. Alle machen dort eine längere Pause. Ich begnüge mich mit einem doppelten Espresso und ziehe weiter. Allein und ohne Geräuschkulisse.

Terrassen mit Weinanbau. Für den Transport gibt es immerhin eine kleine Zahnradbahn.

Der Weg bietet so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. Im ersten Teil läuft man ,durch kunstvoll terrassierte Felder mit Olivenbäumen und Wein. Dann erreicht man eine Krete und läuft im Wald auf breiten Forstwegen. Eigentlich beginnt danach der Abstieg, aber so einfach ist es nicht. Es folgt ein Stück entlang einer Steilküste, zwar durchaus mit Büschen und Bäumen, aber streckenweise eben auch über Felsen und Geröll und vor allem mit direktem Blick auf das mehrere hundert Meter darunter liegende türkisblaue Meer. Habe ich schon erwähnt, dass ich sowas überhaupt nicht vertrage? Ich packe die Stöcke in den Rucksack und krabbele sehr unwürdig über die Felsen in der Hoffnung, dass der Spuk bald ein Ende hat. In der Beschreibung der Tour (diesmal nicht auf konmoot, sondern auf AllTrails) schreibt ein User, er sei die Strecke problemlos auch bei Regen gelaufen. Echt jetzt? Ich bin froh, als der Weg sich wieder etwas normalisiert, bzw. als ich endlich meinen Tunnelblick weg vom Abgrund richten kann.

Blick auf das Ende der Landzunge von Portovenere.
Portovenere mit Chiesa San Pietro.

Als das Adrenalin langsam nachlässt, gibt es grandiose Ausblicke entlang der Küste auf die Spitze der Landzunge und die davorgelegene kleine Insel. Auf offenem Meer liegt ein Kreuzfahrtschiff, das offensichtlich auf die Einfahrt nach La Spezia wartet. La Spezia liegt auf der anderen Seite der Landzunge und ist irgendwann auch zu sehen. Die letzten zwei Stunden geht es steil bergab, zum Schluss entlang der Festung von Portovenere über Treppen. Und plötzlich steht man inmitten einer Touristenmenge im Dörfchen Portovenere. Der Geräuschpegel steigt rapide an. Das Dorf liegt extrem malerisch an einer Merenge und gruppiert sich um einen Hafen. Von dort legen Ausflugsschiffe in alle Richtungen ab. Ich besteige eines, das mich der Küste entlang zurück nach Riomaggiore bringt, um dort wieder den Zug nach Deiva Marina zu nehmen. Die Fahrt auf dem Schiff ist ein besonderes Vergnügen, weil man voller Stolz sehen kann, welche Strecke man gelaufen ist. Außerdem sieht man die Küste und die Dörfer vom Meer aus am allerbesten. 

An der Küste hat das Wasser Höhlen aus dem Fels gewaschen.
Riomaggiore vom Wasser aus. Unten läuft übrigens die Bahnlinie, ziemlich weit oben die Straße.
Von Nahem zeigt sich der Ort in seiner ganze Schönheit.

In Riomaggiore ist derweil die Hölle los. Der pittoreske Ort quillt über von Touristen, die sich durch die engen Gässchen und über die Treppen quetschen. Obwohl ich noch etwas Zeit hätte bis zur Abfahrt des Zuges, verzichte ich dankend auf eine weitere Besichtigung des Dorfes. Ziemlich genau zehn Stunden nach Abfahrt bin ich wieder auf unserem Campingplatz. Müde, aber auch ein bisschen stolz.

Sonntag, 8.5.

Es ist Muttertag😊 Nach einem Gratulationstelefoant mit Marlies starten wir gegen 11 Uhr auf die Heimfahrt. Es bewährt sich wieder, dass ihr an einem Sonntag fahren, alles läuft ganz easy und entspannt, und wir haben keinen einzigen Stau. Diesmal fahren wir aber auch durch den Bernardino. 

Wir diskutieren diese wunderbare Woche in Ligurien. Obwohl es extrem schön (und für mich ein perfekter Wanderurlaub) war, stellen wir aber doch fest, dass wir uns in Frankreich und Spanien wohler fühlen. Italien ist für unseren Geschmack einfach ein bisschen zu voll. Die Städte und Dörfer sind wunderschön, aber eng und selbst Anfang Mai schon recht überlaufen. Das Hinterland ist natürlich ruhiger – und ebenfalls wunderschön – aber hier gibt es viel viel weniger Campingplätze als z.B. in Frankreich. Und die Plätze selbst sind auch nicht so wahnsinnig toll, ehrlich gesagt sind es eher Stell- als Campingplätze. Da sind wir durch unsere Frankreichurlaibe schon ziemlich verwöhnt. Worin allerdings Italien definitiv alle anderen Länder toppt, ist beim Essen! Das wiederum ist einfach nur grandios.

Gegen 18 Uhr sind wir wieder zuhause und freuen uns auf unseren schönen Garten.

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